Sachsen-Anhalt nach dem AfD-Wahlsieg: Wähler, Wirtschaft, Medienmacht und Demokratie

Die AfD erzielt in Sachsen-Anhalt ihr bislang stärkstes Ergebnis bei einer Landtagswahl und erschüttert das bisherige Parteiensystem. Doch der Wahlabend wirft eine kompliziertere Frage auf. - Titelbild KI-generiert

Die AfD erzielt in Sachsen-Anhalt ihr bislang stärkstes Ergebnis bei einer Landtagswahl und erschüttert das bisherige Parteiensystem. Doch der Wahlabend wirft eine kompliziertere Frage auf als die nach Gewinnern und Verlierern: Warum erreicht die AfD trotz sich verbessernder Wirtschaftsdaten mehr als 40 Prozent? Welche Verantwortung tragen die demokratischen Parteien, welche die Medien? Sollte die CDU ihre Brandmauer verteidigen? Und muss nach diesem Wahltag ein AfD-Verbotsverfahren ernsthaft geprüft werden?

Sachsen-Anhalt hat am 6. September 2026 gewählt – und das Ergebnis besitzt historische Dimension. Nach dem vorläufigen Endergebnis erreicht die AfD rund 43,8 Prozent der Stimmen. Die CDU fällt auf etwa 17 Prozent zurück. Damit verdoppelt die AfD ihr Ergebnis von 2021 mehr als, während die CDU gegenüber ihren damaligen 37,1 Prozent dramatisch verliert. Die Wahlbeteiligung steigt zugleich auf Rekordniveau.

Gewann die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund MdL © Ulrich Siegmund

Das ist kein Wahlsieg, der sich mit einer niedrigen Beteiligung oder der Mobilisierung einer kleinen politischen Minderheit erklären lässt. Ein großer Teil Sachsen-Anhalts hat bewusst gewählt. Und genau deshalb wäre es zu einfach, die Wähler ausschließlich moralisch zu beurteilen.

Wer wählt die AfD?

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis dieses Wahlabends lautet: Den einen typischen AfD-Wähler gibt es nicht mehr. Die AfD liegt nach den Analysen sowohl bei Männern als auch bei Frauen, bei jüngeren wie bei älteren Wählergruppen vorne. Die ARD-Analyse beruht auf rund 20.000 Interviews in 180 Wahllokalen.

Damit lässt sich die Vorstellung kaum noch aufrechterhalten, die AfD werde lediglich von einer gesellschaftlich isolierten Randgruppe gewählt. Unter ihren Wählern befinden sich Arbeiter und Angestellte, Selbstständige, Menschen in ländlichen Regionen, jüngere Erwerbstätige, Rentner und Bürger mit sehr unterschiedlichen Bildungs- und Einkommensbiografien. Ein Teil wählt die AfD aus ideologischer Überzeugung. Andere aus Protest.

Andere nennen Migration, innere Sicherheit, Energiepolitik, soziale Unsicherheit, hohe Preise, fehlendes Vertrauen in staatliche Institutionen oder das Gefühl, von Berlin nicht mehr gehört zu werden. Gerade darin liegt die Herausforderung für die demokratischen Parteien. Wer all diese Menschen unterschiedslos als Extremisten behandelt, wird sie politisch kaum zurückgewinnen.

Aber nicht jede Äußerung darf relativiert werden

Gleichzeitig darf die notwendige Differenzierung gegenüber den Wählern nicht dazu führen, tatsächliche Radikalisierung zu verharmlosen. Ein öffentlich verbreitetes Instagram-Reel des Accounts @kevinheibel_ zeigt einen besonders drastischen Ausschnitt.

In dem Video ist eine Person zu hören, die zunächst über Waffen spricht und anschließend sinngemäß erklärt, sie habe nichts dagegen, wenn Waffen dazu benutzt würden, Ausländer zu erschießen. Eine derartige Aussage ist keine normale migrationspolitische Forderung.

Zwischen der Forderung nach Grenzkontrollen, Abschiebungen oder einer Begrenzung von Zuwanderung und der Vorstellung, Menschen aufgrund ihrer Herkunft zu töten, besteht eine fundamentale Grenze. Hier geht es um eine menschenverachtende Gewaltfantasie. Journalistisch muss allerdings präzise bleiben, was das Reel belegt.

Aus dem veröffentlichten Ausschnitt lässt sich nicht zuverlässig feststellen, welche Partei die betreffende Person gewählt hat oder ob sie überhaupt einer politischen Organisation angehört. Die Aussage darf deshalb nicht mehreren Hunderttausend AfD-Wählern zugerechnet werden. Genau diese Trennung ist wichtig: Nicht jeder AfD-Wähler ist ein Rechtsextremist. Aber rechtsextreme, rassistische oder gewaltbezogene Aussagen dürfen auch nicht aus politischer Rücksichtnahme verharmlost werden.

Das große Paradox: Die Wirtschaft verbessert sich

Besonders interessant ist das Wahlergebnis vor dem Hintergrund der jüngsten Wirtschaftsdaten. Denn das Bild der deutschen Wirtschaft ist inzwischen erheblich besser, als es noch im Frühjahr 2026 erschien. Im April hatte die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose wegen geopolitischer Belastungen auf lediglich 0,5 Prozent für 2026 gesenkt.

Nur wenige Monate später sieht die Situation deutlich anders aus. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hält inzwischen ein Wachstum von rund einem Prozent für möglich. Das DIW Berlin erwartet sogar 1,2 ProzentWachstum für 2026. Das ifo Institut hat seine Prognose am 3. September noch stärker angehoben und erwartet nun 1,4 Prozent. Für 2027 rechnet das ifo Institut mit weiteren 1,2 Prozent. Das ist eine bemerkenswerte Veränderung. Deutschland befindet sich damit nicht mehr eindeutig in jener wirtschaftlichen Stagnation, die die politische Diskussion noch vor wenigen Monaten dominierte.

Das DIW begründet seine Aufwärtskorrektur insbesondere mit überraschend starken Exporten und einem geringeren Energiepreisschock als zunächst erwartet. Gleichzeitig warnt das Institut jedoch davor, von einer bereits gesicherten Erholung zu sprechen. Hohe Energiepreise, strukturelle Schwächen und weiterhin zurückhaltende private Investitionen bleiben Risiken. Das ifo Institut erkennt ebenfalls Lichtblicke – ausdrücklich auch für die lange angeschlagene Industrie. Neben der Auslandsnachfrage wirken die zusätzlichen staatlichen Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung als Wachstumstreiber.

Auch die Chemieindustrie sendet erstmals bessere Signale

Besonders bemerkenswert sind die neuesten Zahlen des Verbandes der Chemischen Industrie – VCI. Die chemisch-pharmazeutische Industrie gehört zu den wichtigsten deutschen Industriesektoren. Sie beschäftigt rund 476.000 Menschen und erwirtschaftet einen Branchenumsatz von ungefähr 220 Milliarden Euro. Noch 2025 war die Situation ausgesprochen schlecht. Produktion und Erzeugerpreise waren rückläufig, der Umsatz sank und die Kapazitätsauslastung erreichte historische Tiefstände. Doch die neuesten VCI-Daten vom 3. September 2026 zeigen zumindest eine Bewegung nach oben.

Im zweiten Quartal 2026 stieg die chemisch-pharmazeutische Produktion saisonbereinigt um 2,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Gegenüber dem entsprechenden Vorjahresquartal lag sie 0,9 Prozent höher.

Noch deutlicher entwickelte sich der Umsatz. Er stieg gegenüber dem Vorquartal um 7,3 Prozent auf 54,5 Milliarden Euro. Nach Angaben des VCI war dies das erste spürbare Umsatzplus seit mehr als drei Jahren. Das ist für einen der wichtigsten deutschen Industriesektoren ein bedeutsames Signal. Allerdings wäre es falsch, daraus bereits einen vollständigen industriellen Aufschwung abzuleiten.

Der VCI selbst warnt vor einer fragilen Entwicklung. Ein Teil des Produktionsanstiegs resultiert aus Sondereffekten, unter anderem aus Vorratskäufen und Veränderungen der internationalen Lieferketten infolge des Nahostkonflikts.

Für das Gesamtjahr erwartet der Verband weiterhin einen Rückgang der chemisch-pharmazeutischen Produktion um 1,5 Prozent. Beim Umsatz prognostiziert er dagegen ein Plus von 2,5 Prozent, das jedoch überwiegend durch höhere Preise zustande kommen dürfte. Die wirtschaftliche Realität lautet deshalb nicht: Deutschland befindet sich plötzlich wieder in einem Boom.

Sie lautet: Nach mehreren Jahren der Krise gibt es erstmals deutlichere Hinweise auf eine wirtschaftliche Stabilisierung – aber die industrielle Substanz bleibt verletzlich.

Warum profitiert die Bundesregierung davon politisch kaum?

Genau hier entsteht eine der zentralen politischen Fragen nach der Wahl von Sachsen-Anhalt. Wenn sich Wirtschaftswachstum und Industrieindikatoren verbessern, warum schlägt sich das nicht stärker in der Zustimmung zu den Regierungsparteien nieder? Eine mögliche Erklärung lautet: Wirtschaftliche Statistik und persönliche Wahrnehmung bewegen sich zeitlich nicht gleichzeitig. Ein Wachstum von 1,2 oder 1,4 Prozent bedeutet nicht automatisch, dass ein Arbeitnehmer am Monatsende mehr Geld besitzt.

Ein Umsatzanstieg in der Chemieindustrie bedeutet nicht, dass ein Beschäftigter keine Angst um seinen Arbeitsplatz hat. Und Milliardeninvestitionen in Infrastruktur oder Verteidigung sind für einen Bürger nicht automatisch sichtbar, wenn gleichzeitig die örtliche Brücke gesperrt, die Schule renovierungsbedürftig oder ein Termin bei einer Behörde schwer zu bekommen ist. Politisch relevant ist deshalb nicht nur das objektive Wachstum. Entscheidend ist, ob Wachstum beim Bürger ankommt.

Die AfD profitiert vom Zeitverzug

Populistische Parteien haben in solchen Situationen einen politischen Vorteil. Sie können auf die Erfahrungen der vergangenen Jahre verweisen: Rezession. Inflation. Hohe Energiepreise. Unternehmensschließungen. Migrationskonflikte. Überlastete Kommunen. Wohnraummangel. Unsicherheit.

Dass sich einzelne wirtschaftliche Indikatoren inzwischen verbessern, löscht diese Erfahrungen nicht über Nacht. Die demokratischen Parteien müssen daher einen Fehler vermeiden: Sie dürfen bessere Wirtschaftszahlen nicht dazu benutzen, den Bürgern zu erklären, ihre Sorgen seien überholt. Stattdessen sollten sie die positive Entwicklung als Beginn eines Prozesses begreifen. Die Botschaft muss lauten: Es gibt Fortschritte – aber die Reformarbeit ist noch nicht erledigt.

Berlin muss wirtschaftspolitisch nachlegen

Die Zahlen geben der Bundesregierung sogar eine Chance. Wenn Deutschland tatsächlich von 0,5 Prozent erwarteten Wachstum in Richtung eines Prozent oder darüber hinaus kommt, muss daraus eine längerfristige wirtschaftspolitische Strategie entstehen. Bürokratieabbau. Schnellere Genehmigungen. Günstigere und verlässlichere Energie. Investitionen in Infrastruktur. Digitalisierung der Verwaltung. Eine wettbewerbsfähigere Unternehmensbesteuerung. Und eine Industriepolitik, die Deutschland als Standort wieder attraktiver macht. Der VCI weist seit Jahren darauf hin, dass insbesondere energieintensive Industrien strukturell unter Druck stehen. Das aktuelle Plus darf deshalb nicht zum Anlass genommen werden, Reformen aufzuschieben. Im Gegenteil. Eine beginnende Erholung ist genau der Moment, in dem Strukturreformen leichter umgesetzt werden können als mitten in einer Rezession.

Die CDU muss standhaft bleiben

Parallel wächst nach diesem Wahlabend der Druck auf die CDU. Schon jetzt wird argumentiert, die sogenannte Brandmauer sei gescheitert, weil sie die AfD offensichtlich nicht kleiner gemacht habe. Diese Schlussfolgerung überzeugt nicht.

Eine Brandmauer ist keine Wahlkampfstrategie. Sie soll nicht automatisch dafür sorgen, dass die AfD weniger Stimmen erhält. Sie definiert vielmehr eine Grenze für die gemeinsame Ausübung staatlicher Macht.

Die CDU sollte deshalb weiterhin sagen: Keine Koalition mit der AfD. Keine von der AfD abhängige CDU-Regierung. Keine strategische parlamentarische Zusammenarbeit zur Bildung politischer Mehrheiten.

Dasselbe gilt auf Bundesebene für CDU und CSU. Ein Antrag wird selbstverständlich nicht automatisch falsch, nur weil die AfD zufällig ebenfalls dafür stimmt. Aber zwischen einer zufälligen parlamentarischen Mehrheit und einer geplanten Zusammenarbeit besteht ein erheblicher Unterschied. Diese Grenze muss erhalten bleiben.

Die Union darf AfD-Wähler nicht der AfD überlassen

Brandmauer bedeutet allerdings nicht: Mauer gegenüber den Wählern. Im Gegenteil. Die Union muss gerade jetzt intensiver um diese Bürger kämpfen. Eine konsequente Migrationspolitik ist keine AfD-Politik. Innere Sicherheit ist keine AfD-Politik. Die Forderung nach einem wettbewerbsfähigen Industriestandort ist keine AfD-Politik. Eine Begrenzung staatlicher Bürokratie ist keine AfD-Politik. Und Patriotismus innerhalb einer europäischen, rechtsstaatlichen und westlich orientierten Ordnung ist ebenfalls keine AfD-Politik. Eine selbstbewusste CDU/CSU muss nicht nach rechts außen rücken, um konservativ zu sein. Sie muss wieder deutlich machen, weshalb ein konservatives Angebot innerhalb des demokratischen Verfassungsrahmens attraktiver sein kann als radikale Opposition.

Journalisten werden zunehmend selbst politische Akteure

Auch die Medien sollten sich nach diesem Wahltag mit ihrer Rolle beschäftigen. Journalisten sind selbstverständlich Bürger. Sie dürfen politische Meinungen haben. Sie dürfen konservativ, liberal, sozialdemokratisch, links oder grün sein. Und sie dürfen diese Ansichten insbesondere in Kommentaren äußern.

Aber die Grenzen zwischen Nachricht, Analyse, persönlicher Meinung und politischem Aktivismus werden zunehmend unschärfer. Soziale Netzwerke verstärken diese Entwicklung. Journalisten verfügen heute teilweise über zehntausende oder hunderttausende persönliche Follower. Dort kritisieren sie Parteien, begrüßen politische Entscheidungen und positionieren sich öffentlich zu politischen Strategien.

Julia Ruhs als Beispiel

Quelle: LinkedIn Julia Ruhs

Die Journalistin Julia Ruhs steht beispielhaft für diese Entwicklung. Sie hat sich öffentlich deutlich zur AfD-Debatte und zur Brandmauer positioniert und unter anderem eine parlamentarische Mehrheit unter Beteiligung von AfD-Stimmen positiv bewertet. Das darf sie.

Journalisten verlieren ihre Meinungsfreiheit nicht durch ihren Beruf. Doch für das Publikum muss erkennbar bleiben, wann eine Journalistin berichtet und wann sie selbst eine politische Position vertritt. Eine konkrete Wahlempfehlung von Ruhs zugunsten einer bestimmten Partei bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg sollte ohne eindeutige Primärquelle nicht behauptet werden. Das größere Problem bleibt jedoch bestehen:

Wenn Journalisten faktisch selbst zu politischen Akteuren werden, müssen Medien noch stärker zwischen Berichterstattung und Meinung unterscheiden. Das gilt übrigens für alle politischen Richtungen. Eine Wahlempfehlung für Grüne, Linke, SPD oder CDU ist ebenso eine politische Positionierung wie eine Empfehlung zugunsten einer rechten Partei.

Axel Springer und die Macht der Normalisierung

Noch gewichtiger ist die Rolle großer Medienkonzerne. Hier muss insbesondere über Axel Springer und Mathias Döpfner gesprochen werden. Springer verfügt mit Bild und Welt über zwei außerordentlich reichweitenstarke deutsche Medienmarken und besitzt darüber hinaus erheblichen internationalen Einfluss. Diese Macht ist legitim. Aber Macht erzeugt Verantwortung. Axel Springer hat die AfD nicht geschaffen. Und es gibt keinen belastbaren Beweis dafür, dass der Verlag den Wahlausgang von Sachsen-Anhalt direkt verursacht hat.

Der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer: Mathias Döpfner

Eine solche Behauptung wäre unseriös. Ebenso unseriös wäre jedoch die Vorstellung, ein Medienkonzern dieser Größe habe keinerlei Einfluss auf politische Wahrnehmung. Medien bestimmen mit: Welche Themen täglich dominieren. Welche Politiker permanent sichtbar sind. Welche Aussagen Schlagzeilen werden. Welche Begriffe sich durchsetzen. Welche politischen Grenzverschiebungen als Skandal und welche als notwendiger Tabubruch erscheinen.

Wer Reichweite verteilt, übt Macht aus

Besonders kontrovers war deshalb die Entscheidung von Welt am Sonntag, Elon Musk kurz vor der Bundestagswahl eine Plattform für eine ausdrückliche Wahlempfehlung zugunsten der AfD zu geben. Es gab eine journalistische Gegenposition.

Doch auch mit Gegenrede bleibt die Veröffentlichung eine redaktionelle Entscheidung. Meinungsfreiheit verpflichtet keine Zeitung, einem bereits extrem reichweitenstarken Unternehmer eine weitere Bühne für eine konkrete Wahlempfehlung zu verschaffen. Redaktionen wählen aus. Und genau diese Auswahl ist publizistische Macht.

Döpfner und die Brandmauer

Mathias Döpfner selbst lehnt Koalitionen mit der AfD ab. Gleichzeitig kritisiert er die Strategie und Rhetorik der Brandmauer. Er darf dies selbstverständlich. Aber auch diese Position darf entschieden kritisiert werden. Denn die Tatsache, dass die Brandmauer die AfD nicht geschwächt hat, beweist nicht, dass sie überflüssig geworden ist. Eine Brandschutztür wird nicht dadurch sinnlos, dass das Feuer vor ihr größer wird.

Die Brandmauer soll nicht Wirtschaftspolitik ersetzen. Sie löst kein Migrationsproblem. Sie senkt keine Energiepreise. Sie baut keine Wohnungen. Sie verhindert aber, dass demokratische Parteien ihre Regierungsmehrheiten strategisch von einer Partei abhängig machen, bei der erhebliche verfassungsrechtliche Fragen bestehen. Diese Grenze sollte bestehen bleiben.

Muss jetzt ein AfD-Verbotsverfahren kommen?

Aus dem Wahlergebnis folgt keine rechtliche Verpflichtung der Bundesregierung, einen Verbotsantrag zu stellen. Außerdem kann die Bundesregierung die AfD nicht selbst verbieten. Darüber entscheidet ausschließlich das Bundesverfassungsgericht. Antragsberechtigt sind Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat. Die Frage nach Sachsen-Anhalt lautet deshalb nicht: „Muss die AfD morgen verboten werden?“ Sie lautet: Ist angesichts ihrer inzwischen enormen politischen Stärke der Zeitpunkt gekommen, das vorhandene Material umfassend und unabhängig auf die Erfolgsaussichten eines Verbotsverfahrens prüfen zu lassen? Diese Frage ist legitim.

Das NPD-Urteil bekommt neue Bedeutung

Beim zweiten Verbotsverfahren gegen die NPD erkannte das Bundesverfassungsgericht zwar verfassungsfeindliche Ziele, verbot die Partei jedoch nicht. Ein entscheidendes Problem war ihre politische Bedeutungslosigkeit. Es fehlte die reale Möglichkeit, die verfassungsfeindlichen Ziele erfolgreich durchzusetzen. Bei einer Partei, die in einem Bundesland mehr als 40 Prozent der Stimmen erreicht, stellt sich diese sogenannte Potentialitätsfrage offensichtlich anders.

Das bedeutet nicht: 44 Prozent gleich Parteiverbot. Ein Wahlergebnis beweist keine Verfassungswidrigkeit. Aber niemand kann bei einer solchen Partei argumentieren, sie sei politisch vollkommen bedeutungslos. Genau deshalb muss die juristische Frage jetzt besonders sorgfältig geprüft werden.

Ein Verbotsverfahren richtet sich nicht gegen die Wähler

Dieser Punkt ist entscheidend. Ein Parteiverbotsverfahren richtet sich gegen eine politische Organisation. Nicht gegen ihre Wähler. Menschen dürfen die Bundesregierung ablehnen. Sie dürfen eine radikal andere Migrationspolitik verlangen. Sie dürfen die EU kritisieren. Sie dürfen konservativ oder nationalstaatlich argumentieren. Sie dürfen Politiker scharf kritisieren. All das gehört zu einer freien Gesellschaft.

Die Grenze entsteht dort, wo eine Organisation nachweislich darauf ausgerichtet ist, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beseitigen oder wesentlich zu beeinträchtigen und die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen eines Verbots erfüllt. Diese Entscheidung darf nicht auf Grundlage politischer Stimmung erfolgen. Sie muss vor Gericht auf Grundlage von Beweisen getroffen werden.

Sachsen-Anhalt ist mehr als ein Rechtsruck

Die wichtigste Erkenntnis dieses Wahlabends liegt deshalb vielleicht in einem Widerspruch. Die wirtschaftlichen Zahlen beginnen sich zu verbessern. Die deutsche Wirtschaft könnte 2026 nicht nur um die im Frühjahr erwarteten 0,5 Prozent wachsen, sondern nach aktuellen Prognosen zwischen ungefähr einem und 1,4 Prozent. Auch in der Chemieindustrie zeigen sich erstmals seit Jahren bessere Quartalszahlen. Und dennoch steigt die AfD auf mehr als 40 Prozent. Das zeigt: Ökonomische Erholung allein repariert kein verlorenes Vertrauen.

Vertrauen entsteht langsamer. Menschen müssen erleben, dass der Staat funktioniert. Dass politische Entscheidungen nachvollziehbar sind. Dass Migration gesteuert wird. Dass wirtschaftliche Verbesserung bei Arbeitnehmern und Unternehmen ankommt. Dass demokratische Parteien miteinander um Lösungen konkurrieren, statt lediglich gemeinsam vor der AfD zu warnen. Und dass Journalisten informieren, einordnen und zwischen Nachricht und eigener politischer Meinung sichtbar unterscheiden.

Die Brandmauer muss bleiben – die Politik dahinter muss besser werden

Sachsen-Anhalt darf deshalb weder als Argument für politische Resignation noch für eine überstürzte Annäherung an die AfD dienen. Die CDU/CSU sollte standhaft bleiben. Die Brandmauer sollte bestehen. Aber sie darf niemals zum Ersatz für eigene Politik werden. Wer einen Bürger mit wirtschaftlichen Sorgen zurückgewinnen will, braucht Wirtschaftspolitik. Wer Sorgen über Migration beantworten will, braucht eine funktionierende Migrationspolitik. Wer Vertrauen in den Staat zurückgewinnen will, braucht funktionierende Institutionen.

Und wer eine extremistische Partei politisch bekämpfen will, muss gleichzeitig demokratische Alternativen attraktiver machen. Die neuesten Wirtschaftszahlen zeigen, dass Deutschland möglicherweise erstmals seit Jahren die Chance auf eine echte Erholung bekommt. Diese Chance muss genutzt werden. Sachsen-Anhalt zeigt zugleich, dass ökonomisches Wachstum allein nicht genügt. Eine demokratische Gesellschaft benötigt wirtschaftliche Perspektive, politische Handlungsfähigkeit, klare Grenzen gegenüber Extremismus und Medien, die sich ihrer enormen Verantwortung bewusst sind.

Die Brandmauer muss bleiben.

Die Wirtschaft muss weiter wachsen.

Die demokratischen Parteien müssen die Wähler zurückgewinnen.

Und wenn ausreichende tatsächliche und rechtliche Anhaltspunkte vorliegen, müssen Bundestag, Bundesrat und Bundesregierung auch bereit sein, die Instrumente der wehrhaften Demokratie ernsthaft zu prüfen. Denn eine Demokratie beweist ihre Stärke weder durch das Ignorieren von 44 Prozent der Wähler noch durch die Aufgabe ihrer eigenen Grenzen. Sie beweist sie dadurch, dass sie beides kann: zuhören – und standhalten.