Was tun gegen die «Bärenplage» in Rumänien

In Rumänien haben Braunbären in den letzten fünf Jahren 14 Menschen getötet und Hunderte verletzt. Was tun?

Ein Selfie endet tödlich

Der italienische Motorradfahrer war entzückt, als er die drei putzigen Jungbären mit ihrer Mutter auf der Bergstrasse erblickte. Er hielt an, versuchte die Bären mit blosser Hand zu füttern. Dann fotografierte er sie und postete ein Selfie von sich und den Bären auf einem sozialen Medium. Auf seinem Handy fand die Polizei später ein Video, auf dem er seinen Freunden zuruft: „Seht ihr den Bären? Wie schön er ist.“ Dann griff die Bärenmutter an. Beamte fanden seine Leiche im Wald mit Bisswunden, berichteten rumänische Medien.

Europas grösste Braunbärenpopulation

In den rumänischen Karpatenwäldern lebt die grösste Braunbärenpopulation Europas. 10 bis 12´000 Tiere. Anzahl steigend. Ökologen und Fachleute schätzen jedoch, dass nur etwa 5.000 Tiere mit dem natürlichen Gleichgewicht verträglich sind. Demnach gibt es je nach Schätzung etwa 5.500 bis 7.700 Bären zu viel.

Forderungen nach höheren Abschussquoten

Immer mehr Menschen in Rumänien verlangen nach Massnahmen gegen die «Bärenplage». Etwa die Tierärztin und Ziegenhalterin Filotheea Sima, auf deren Hof im Dorf Corbeni ein Bär eine Ziege riss. Sie sagt: «Die Behörden sollten mehr tun. Sie sollten die Abschussquoten erhöhen. Viele Organisationen kämpfen für den Schutz der Bären. Aber wer beschützt eigentlich uns?»

Politischer Streit um die Abschussquote

Ein Gesetz zur deutlichen Erhöhung der Abschussquote hat der rumänische Präsident Nicușor Dan im Juni zurückgewiesen, weil es seiner Meinung nach gegen EU-Recht verstosse und nicht verpflichte, zuerst nach gewaltfreien Lösungen zu suchen. Doch das Verfassungsgericht wies die Einwände des Präsidenten ab. Kurz darauf beschloss das Parlament ein Gesetz, das den Abschuss von jährlich 859 Braunbären ermöglicht. Dies verschärfte die Kontroverse rund um die Bären neuerlich. Am 7. August wies Präsident auch dieses Gesetz zur Überprüfung an das Parlament zurück. Klar, dass das die Gemüter neuerlich erhitzte.

Druck auf Brüssel

Die Jäger möchten deutlich mehr Braunbären schiessen, doch es handelt sich um eine geschützte Tierart. Deshalb versucht Rumänien gemeinsam mit der Slowakei, Kroatien, Finnland, Tschechien den Druck auf Brüssel zu erhöhen. Die fünf Staaten fordern eine Herabstufung des Schutzstatus der Braunbären in der EU-Habitatrichtlinie von „streng geschützt“ auf „geschützt“, um künftig präventive Abschüsse rechtlich einfacher zu legitimieren. Doch Tierschützer fürchten, die Jäger würden vor allem auf Trophäenjagd gehen, also die grössten Tiere schiessen, statt den sogenannten „Problembären“, die in den Dörfern nach Futter suchen und dort die Menschen in Angst und Schrecken versetzen.

Ceaușescus historischer Jagdrekord

Zur Erinnerung: Der inoffizielle, aber historisch dokumentierte Weltrekord für die meisten von einer einzelnen Person an einem Tag erlegten Bären wird dem ehemaligen rumänischen Diktator Nicolae Ceaușescu zugeschrieben. Er soll 1984 bei einer einzigen organisierten Treibjagd in den Karpaten 24 Braunbären an einem einzigen Tag geschossen haben. Allerdings trieben damals Hunderte von Treibern dem Diktator die Tiere vor seinen Hochsitz.

Gewaltfreie Massnahmen gegen «Bettelbären»

Diese Zeiten sind vorbei. Heute fordern Tierschützer gewaltfreie Massnahmen gegen die Bären. Das sind etwa elektrische Zäune, bärensichere Müllcontainer, aber auch die drastische Erhöhung der Bussen für das Füttern von Bären. Mittlerweile bezahlt bis 30.000 Lei (rund 5300 Franken), wer dabei erwischt wird. Doch die abschreckende Wirkung hält sich in Grenzen, wie die rumänische Polizei auf ihren Patrouillen feststellt. Viele der sogenannten «Bettelbären» haben durch die Fütterung ihre natürliche Scheu vor den Menschen völlig verloren. Trotzdem bleiben sie potentiell tödliche Raubtiere.

Chemische Kastration als Alternative

Es gäbe indes eine weitere Lösung. Christina Lapis betreibt den Bärenpark «Libearty» mit 130 Tieren in der Nähe von Brasov (Kronstadt). Sie propagiert die chemische Kastration. Sie sagt: “Sogar wenn wir 1000 Bären im Jahr töten, ist das keine Lösung. Das Problem ist die Abholzung der Wälder. Die Tiere haben deshalb zu wenig Nahrung in ihrem Habitat und suchen Futter in den Städten.

Artenschutz oder Sicherheit?

Wer immer sich im Kampf gegen die Bärenplage letztlich durchsetzen wird: Es bleibt ein Zielkonflikt zwischen Artenschutz und Sicherheit der Menschen. Eine schnelle Lösung gibt es nicht.

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  • Journalist

    With Peter Balzli, The Transatlantic Ledger  is expanding its journalistic network by adding an internationally experienced reporter and foreign correspondent. Balzli will continue his work for the Swiss public broadcaster SRF, where he reports as correspondent for Austria and Eastern Europe on political, economic, and social developments across Europe. Previously, he served as correspondent in Paris as well as in London, covering the United Kingdom and Ireland.

    Alongside his work for SRF, Peter Balzli will also contribute to The Transatlantic Ledger, bringing his extensive international experience and his well-founded journalistic perspective to the publication’s reporting.