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Wohnen ist in weiten Teilen Europas zu einem zentralen sozialen Problem geworden. Steigende Mieten, hohe Sanierungskosten und ein zunehmend von institutionellen Investoren geprägter Wohnungsmarkt setzen vor allem Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen unter Druck. Gleichzeitig verpflichten europäische Klimaziele Eigentümer zu energetischen Sanierungen, deren Finanzierung offen bleibt. Zwischen Klimaschutz, Investitionsbedarf und sozialer Gerechtigkeit entsteht so ein Spannungsfeld, das zunehmend auch die europäische Politik beschäftigt.
Im schriftlichen Interview mit The Transatlantic Ledger bezieht Rasmus Andresen, Europaabgeordneter der Grünen, Position zu den wichtigsten Streitfragen der europäischen Wohnungs- und Gebäudepolitik: von der Finanzialisierung des Wohnungsmarktes über die Verteilung der Sanierungskosten bis hin zur Rolle der Europäischen Investitionsbank. Andresen erläutert, welche regulatorischen und finanziellen Maßnahmen aus seiner Sicht notwendig sind, um bezahlbaren Wohnraum zu sichern, ohne dabei Klimaschutzziele zurückzustellen.
The Transatlantic Ledger: Herr Andresen, Wohnen wird in vielen europäischen Städten zunehmend unbezahlbar. Was sind aus Ihrer Sicht derzeit die wichtigsten Ursachen für die steigenden Wohnkosten in Europa?
Rasmus Andresen, MdEP: Aus meiner Sicht kommen mehrere Faktoren zusammen. Ein zentraler Treiber ist die Finanzialisierung des Wohnungsmarktes: Wohnraum wird zunehmend als Anlageklasse und nicht als das behandelt, was er in erster Linie sein sollte: ein Zuhause. Wie stark dieser Trend ist, zeigt auch die Entwicklung in Deutschland: Der Wohnungsbestand finanzialisierter Wohnungsunternehmen hat sich zwischen 2005 und 2022 mehr als vervierfacht. Zu den größten Akteuren gehören neben Vonovia unter anderem LEG Wohnen, TAG Immobilien und Grand City Properties. Bei diesen Unternehmen liegen die Abschöpfungsquoten teilweise bei über 40 Prozent: das heißt, von einem Euro Miete fließen mehr als 40 Cent an Investoren. Möglich wird das unter anderem durch Mieterhöhungen sowie Einsparungen bei Instandhaltung, Wohnungsbestand und Dienstleistungen.
Hinzu kommt ein massiver Mangel an öffentlichem, gemeinnützigem und dauerhaft bezahlbarem Wohnraum. Über Jahre wurde zu wenig investiert, während gleichzeitig der Bedarf gestiegen ist. Auch die zunehmende Nutzung von Wohnungen als Ferienunterkünfte verschärft in vielen angespannten Märkten die Situation. Und schließlich sind die Energie- und Nebenkosten ein wichtiger Faktor. Gerade Menschen mit niedrigen Einkommen leben häufig in den energetisch schlechtesten Gebäuden und zahlen deshalb besonders hohe Rechnungen.
Wir müssen deshalb grundsätzlich umdenken: Wohnen darf nicht als Finanzanlage oder Ware behandelt werden. Der Wohnungssektor muss wieder stärker den Bedürfnissen der Menschen dienen, mit mehr öffentlichem und gemeinnützigem Wohnraum, weniger Spekulation und einer sozial gerechten energetischen Sanierung.
Welche politischen Maßnahmen sollte die Europäische Union ergreifen, um bezahlbaren Wohnraum zu fördern, ohne dabei zu stark in nationale oder kommunale Zuständigkeiten einzugreifen?
Die Europäische Union kann einen klaren und verbindlichen Rechtsrahmen schaffen, Mindeststandards setzen und gezielt öffentliche Investitionen fördern. Die konkrete Wohnungsplanung und Umsetzung bleibt bei den Mitgliedstaaten und Kommunen. Ein wichtiger Schritt wäre eine verbindliche europäische Definition von Bezahlbarkeit: Kein Haushalt sollte dauerhaft mehr als 30 Prozent seines Einkommens für das Wohnen aufwenden müssen. Besonders einkommensschwache Haushalte brauchen dabei zusätzliche Unterstützung.
Gleichzeitig muss die EU die öffentlichen Investitionen in sozialen und bezahlbaren Wohnraum deutlich erhöhen. Wir Grüne fordern einen EU-Wohnungsbaufonds, um so die öffentlichen Investitionen in den Wohnungsmarkt zu fördern. Öffentliche Investitionen in erschwinglichen und nachhaltigen Wohnraum sollten von den Verschuldungsobergrenzen des EU Stabilitäts- und Wachstumspakts (SWP) ausgenommen werden – das ist bei Rüstungsausgaben sowie Energieresilienz-Maßnahmen bereits der Fall.
Ein weiterer Punkt ist, Spekulation einzudämmen. In angespannten Wohnungsmärkten müssen Instrumente wie Mietregulierung, eine stärkere Besteuerung leerstehender und nicht dauerhaft genutzter Wohnungen sowie klare Regeln für touristische Kurzzeitvermietungen möglich sein. Dafür brauchen Städte und Gemeinden ausreichend Handlungsspielraum.
Und schließlich sollte die EU gezielt gemeinnützige, öffentliche und sozial orientierte Wohnungsanbieter stärken, beispielsweise durch günstige oder zinsfreie Finanzierung und langfristige Förderbedingungen. Entscheidend ist, dass geförderter Wohnraum dauerhaft bezahlbar bleibt und nicht nach einigen Jahren wieder dem spekulativen Markt überlassen wird.
Die energetische Sanierung von Gebäuden kann für private Eigentümer erhebliche Investitionen bedeuten. Wie kann verhindert werden, dass insbesondere Haushalte mit mittleren und niedrigen Einkommen finanziell überfordert werden?
Energetische Sanierung ist unverzichtbar, aber niemand sollte zwischen Heizen und Essen wählen müssen. Deshalb müssen öffentliche Fördermittel zuerst bei den Menschen ankommen, die sie am dringendsten brauchen: bei energiearmen Haushalten und den energetisch schlechtesten Gebäuden. Der Klima-Sozialfonds sollte dafür ausgeweitet und langfristig abgesichert werden. Gerade für einkommensschwache Haushalte braucht es direkte Zuschüsse, damit die notwendigen Investitionen nicht an den hohen Anfangskosten scheitern.
Gleichzeitig müssen öffentliche Förderungen an klare Bedingungen geknüpft werden: Die Sanierung muss die Energieeffizienz verbessern, aber auch sicherstellen, dass die Wohnung dauerhaft bezahlbar bleibt. Es darf nicht passieren, dass öffentliche Gelder die Rendite eines Eigentümers erhöhen, während Mieterinnen und Mieter die Rechnung bezahlen. Und wir sollten stärker auf gemeinnützige und öffentliche Wohnungsanbieter sowie auf gemeinschaftliche Lösungen setzen, etwa Energiegenossenschaften und gemeinschaftlich organisierte Sanierungen. So kann die Gebäudewende gleichzeitig Klimaschutz und soziale Sicherheit bedeuten.

Viele private Haus- und Wohnungseigentümer sorgen sich vor steigenden Sanierungskosten und zusätzlichen europäischen Vorgaben. Sind diese Sorgen aus Ihrer Sicht berechtigt?
Diese Sorgen sind nachvollziehbar. Gerade für private Eigentümer können energetische Sanierungen erhebliche Kosten bedeuten, und zusätzliche europäische Vorgaben dürfen nicht dazu führen, dass Menschen finanziell überfordert werden. Aber daraus darf nicht der Schluss gezogen werden, dass wir auf ambitionierte europäische Standards verzichten. Entscheidend ist vielmehr, dass Vorgaben und Finanzierung zusammen gedacht werden.
Die EU muss Eigentümer bei der Umsetzung unterstützen, durch direkte Zuschüsse, zinsgünstige oder zinsfreie Kredite und eine einfache Kombination verschiedener Förderprogramme. Besonders Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen sowie Eigentümer der energetisch schlechtesten Gebäude müssen dabei Priorität haben.
Ein wichtiger Hebel ist dabei auch die europäische Schulden- und Fiskalpolitik. Die Europäische Kommission hat bereits einen Ansatz entwickelt, bei dem bestimmte Investitionen zur Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Energien und zur Stärkung der Energieversorgung bei der Bewertung der öffentlichen Finanzen besonders berücksichtigt beziehungsweise von den fiskalischen Vorgaben ausgenommen werden können. Dazu gehören beispielsweise Investitionen in erneuerbare Energien und Speicher, Ladeinfrastruktur, aber ausdrücklich auch Zuschüsse und zinsgünstige Kredite für mittlere und umfassende energetische Gebäudesanierungen.Wenn wir heute in Sanierung investieren, senken wir langfristig Energieverbrauch und Energiekosten, reduzieren unsere Abhängigkeit von fossilen Importen und vermeiden künftig noch höhere Kosten.
Darüber hinaus brauchen wir bessere Beratung und einfachere Förderverfahren. Viele private Eigentümer wissen heute nicht, welche Maßnahmen sinnvoll sind und welche Unterstützung sie erhalten können. Kommunale und unabhängige Energieberatungsstellen können hier eine wichtige Rolle spielen.
Wer sollte die Kosten der europäischen Gebäudewende hauptsächlich tragen – Eigentümer, Mieter, der Staat oder die Europäische Union?
Die Gebäudewende ist eine gesamtgesellschaftliche Investitionsaufgabe. Deshalb kann die Verantwortung nicht einfach auf eine Gruppe abgewälzt werden. Eigentümer müssen ihren Beitrag leisten, weil sie vom langfristigen Wert ihrer Immobilie profitieren. Besonders bei öffentlich gefördertem Wohnraum sollen Renditen begrenzt und Gewinne reinvestiert werden, statt öffentliche Förderung zur Steigerung privater Renditen zu nutzen.
Der Staat muss dort unterstützen, wo die Investition aus eigener Kraft nicht zu stemmen ist, insbesondere bei einkommensschwachen Haushalten und gemeinnützigen Wohnungsanbietern. EU und Mitgliedstaaten sollen über Förderprogramme, den Klima-Sozialfonds und öffentliche Investitionen die Finanzierung ermöglichen. Entscheidend ist aber: Die Kosten dürfen keinesfalls überproportional bei denjenigen landen, die am wenigsten zahlen können. Private Investoren müssen ihren Beitrag leisten und Spekulationen sowie Leerstand muss stärker besteuert werden. Öffentliche Mittel sollten deshalb gezielt dort eingesetzt werden, wo sie den größten sozialen und ökologischen Nutzen schaffen.
Wie lässt sich verhindern, dass Sanierungskosten über höhere Mieten letztlich auf Mieterinnen und Mieter übertragen werden und dadurch Wohnen noch teurer wird?
Der Schutz der Mieterinnen und Mieter ist oberste Priorität. Energetische Sanierungen dürfen nicht als Vorwand für massive Mieterhöhungen oder Verdrängung dienen. Wenn öffentliche Gelder in eine Sanierung fließen, muss gleichzeitig sichergestellt werden, dass die Wohnung langfristig bezahlbar bleibt. Das kann durch Mietobergrenzen, Kostenneutralität für Mieterinnen und Mieter und langfristige Bezahlbarkeitsbindungen geschehen.
Besonders wichtig ist der Schutz vor sogenannten „Renovictions“: Menschen dürfen nicht aus ihrer Wohnung verdrängt werden, nur weil der Eigentümer umfassend sanieren möchte. Wenn eine Wohnung während einer Sanierung vorübergehend nicht bewohnbar ist, muss ein Anspruch auf angemessenen Ersatzwohnraum bestehen. Wir brauchen deshalb einen sozialen Sanierungsansatz: Der Staat unterstützt die Investition, die Bewohner profitieren dauerhaft von niedrigeren Energiekosten, und die energetische Qualität des Gebäudebestands verbessert sich. So verbinden wir Klimaschutz, Energieunabhängigkeit und soziale Gerechtigkeit miteinander.
Braucht Europa Ihrer Ansicht nach deutlich stärkere Förderprogramme für private Eigentümer, Wohnungsunternehmen und Kommunen, um notwendige Sanierungen finanzieren zu können?
Ja – aber vor allem müssen die Förderprogramme sozial gezielter und einfacher zugänglich werden. Wir brauchen mehr direkte Zuschüsse für Haushalte, die die Investitionen nicht selbst finanzieren können, sowie langfristige, sehr günstige Kredite für Kommunen und gemeinnützige Wohnungsanbieter. Gerade Kommunen sollten einen besseren direkten Zugang zu europäischen Fördermitteln erhalten.
Dabei sollte nicht einfach möglichst viel Geld in den Markt fließen. Öffentliche Förderung muss an Bedingungen geknüpft sein: dauerhafte Bezahlbarkeit, hohe Energieeffizienz, gute Wohnqualität und gegebenenfalls eine Begrenzung der Rendite. So wird aus Förderung eine langfristige öffentliche Investition und nicht eine Subvention privater Renditen.
Welche Rolle sollte die Europäische Investitionsbank bei der Finanzierung von bezahlbarem Wohnraum und Gebäudesanierungen spielen?
Die Europäische Investitionsbank sollte neues “One-Stop–Shop-Portal” für den Wohnungsbau sein. Die EIB sollte dabei nicht nur einzelne Bauprojekte finanzieren, sondern auch Kommunen und Wohnungsanbieter bei Planung, Finanzierung und Umsetzung unterstützen.
Besonders wichtig ist, dass Kommunen und gemeinnützige Wohnungsanbieter Zugang zu langfristigen Krediten zu möglichst günstigen, im Idealfall zinsfreien, Konditionen bekommen. Die geplante paneuropäische Plattform für bezahlbares und nachhaltiges Wohnen ist dafür ein wichtiger Ansatz. Entscheidend ist, dass das Geld dort ankommt, wo der größte soziale und ökologische Nutzen entsteht: bei dauerhaft bezahlbarem, energieeffizientem und qualitativ hochwertigem Wohnraum.
Gerade Familien und Menschen mit mittleren Einkommen haben zunehmend Schwierigkeiten, Wohneigentum zu erwerben. Sollte die EU den Erwerb von selbstgenutztem Wohneigentum stärker unterstützen?
Für viele Menschen kann selbstgenutztes Wohneigentum eine wichtige Form der sozialen und finanziellen Sicherheit sein. Aber die Antwort auf die Wohnungskrise kann nicht darin bestehen, immer mehr Menschen mit öffentlichen Mitteln in den Immobilienmarkt zu bringen.
Denn wenn das Angebot knapp ist, können zusätzliche Kaufanreize die Preise weiter erhöhen und vor allem denen nutzen, die bereits über Kapital verfügen. Deshalb sollte die EU zuerst dafür sorgen, dass Mieten und Wohnen insgesamt bezahlbar und sicher sind. Trotzdem müssen wir Wege finden gerad jungen Menschen den Erwerb zu ereleichtern.
In vielen europäischen Großstädten konkurrieren private Käufer mit institutionellen Investoren um Wohnungen. Braucht es strengere Regeln für große Immobilieninvestoren und Finanzkonzerne auf dem europäischen Wohnungsmarkt?
Ja, und zwar sehr dringend. Wenn Wohnraum zum Finanzanlageobjekt wird, müssen wir genauer hinschauen, welche Auswirkungen diese Investitionen auf die Wohnkosten haben. Wir brauchen zunächst Transparenz darüber, wem Immobilien gehören und zu welchen Preisen sie gehandelt werden. Deshalb sollte es ein europäisches Transparenzregister für Immobilientransaktionen und wirtschaftliche Eigentümer geben. Daneben brauchen wir eine stärkere Regulierung von Immobilienfonds und anderen Finanzakteuren, eine konsequentere makroprudenzielle Aufsicht und Maßnahmen gegen übermäßige Marktkonzentration. Auch steuerliche Vorteile für Immobilieninvestoren müssen überprüft werden.
In besonders angespannten Wohnungsmärkten sollte es Kommunen und Mitgliedstaaten möglich sein, spekulative Käufe und den Erwerb von Wohnraum ausschließlich zu Investitionszwecken zeitweise zu begrenzen. Durch einen Ausschüttungsdeckel sollen Immobilienkonzerne dazu verpflichtet werden, einen größeren Teil ihrer Rendite wieder in die Immobilien zu investieren, bspw. zur Sanierung der Gebäude.
Wie bewerten Sie die Gefahr, dass ambitionierte Sanierungsanforderungen den Neubau und die Bereitstellung von Wohnraum zusätzlich verteuern könnten?
Die Gefahr steigender Baukosten ist real. Aber wir sollten deshalb nicht Klimaschutz gegen bezahlbares Wohnen ausspielen. Entscheidend ist, wie wir bauen und sanieren. Die EU sollte stärker auf Kreislaufwirtschaft, Wiederverwendung von Materialien, serielle und modulare Bauweisen und die Umnutzung bestehender Gebäude setzen. Gerade die bessere Nutzung von Leerstand sowie die Umwandlung nicht mehr benötigter Büro- und Gewerbegebäude kann zusätzlichen Wohnraum schaffen, ohne immer neue Flächen zu verbrauchen.
Gleichzeitig muss die öffentliche Hand stärker auf Kosten achten. Bei öffentlich finanzierten Projekten brauchen wir transparente Vergabeverfahren und klare Kosten- und Mietobergrenzen, damit öffentliche Investitionen nicht durch künstlich aufgeblähte Preise aufgezehrt werden.
Guter Klimaschutz bedeutet nicht automatisch teureres Wohnen. Wenn wir richtig investieren, können energieeffiziente Gebäude langfristig sogar günstiger sein, durch niedrigere Energie- und Betriebskosten.
Bauwirtschaft und Wohnungsunternehmen beklagen hohe Baukosten, Fachkräftemangel und zunehmende Bürokratie. Wo sehen Sie Möglichkeiten, europäische Vorgaben zu vereinfachen, ohne soziale und ökologische Ziele aufzugeben?
Wir sollten nicht pauschal weniger Regulierung fordern, sondern bessere und einfachere Regulierung. Ein wichtiger Schritt wäre, Förderprogramme und Genehmigungsverfahren besser aufeinander abzustimmen und den Zugang zu EU-Mitteln für Kommunen und kleinere Anbieter zu vereinfachen. Gleichzeitig brauchen wir mehr technische Beratung und Unterstützung bei der Planung und Umsetzung von Sanierungen.
Beim Fachkräftemangel müssen wir stärker in Ausbildung und Weiterbildung investieren und gute Arbeitsbedingungen im Baugewerbe sichern. Der billigste Anbieter darf nicht automatisch den Zuschlag bekommen, wenn der niedrige Preis durch schlechte Löhne, unsichere Arbeitsbedingungen oder schlechte Umweltstandards zustande kommt.
Und wir sollten Innovation fördern: serielle Sanierung, Vorfertigung, Wiederverwendung von Baustoffen und lokale Wertschöpfung können Kosten und Bauzeiten reduzieren. Das Ziel muss sein: weniger unnötige Bürokratie, aber keine Abstriche bei Sicherheit, Arbeitsrechten, Klimaschutz oder Bezahlbarkeit.
Sollten EU-Fördermittel künftig stärker daran gekoppelt werden, dass sanierte oder neu gebaute Wohnungen langfristig bezahlbar bleiben?
Ja, unbedingt. Öffentliches Geld sollte dauerhaft öffentlichen Mehrwert schaffen. Wenn eine Sanierung oder ein Neubau mit europäischen oder nationalen Fördermitteln finanziert wird, darf die öffentliche Hand nicht nach einigen Jahren wieder zuschauen, wie die Wohnung auf dem spekulativen Markt landet.
Deshalb sollten Fördermittel an langfristige Bezahlbarkeitsbindungen, soziale Vergabekriterien, Energieeffizienz und gegebenenfalls öffentliche oder gemeinnützige Eigentumsstrukturen gekoppelt werden. Bei gemeinnützigen beziehungsweise begrenzt gewinnorientierten Anbietern sollten zudem Renditen begrenzt und Gewinne in die Qualität und Bezahlbarkeit des Wohnungsbestands reinvestiert werden.
Wie kann aus Ihrer Sicht verhindert werden, dass die europäische Transformation des Gebäudesektors gesellschaftlich als Belastung wahrgenommen wird und insbesondere Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen das Vertrauen in die Politik verlieren?
Menschen müssen erleben, dass Klimaschutz ihr Leben konkret verbessert: niedrigere Energiekosten, gesündere Wohnungen, weniger Abhängigkeit von fossilen Energieimporten und stabile, bezahlbare Mieten. Dafür müssen diejenigen, die am stärksten von Energiearmut betroffen sind, bei Investitionen zuerst berücksichtigt werden. Gleichzeitig braucht es einen klaren Schutz vor Verdrängung. Niemand darf wegen einer öffentlich geförderten Sanierung seine Wohnung verlieren. Und Menschen müssen stärker an der Planung beteiligt werden – etwa über Kommunen, Mieterorganisationen, Genossenschaften und lokale Energie- und Wohnprojekte.
Am Ende geht es um eine einfache politische Botschaft: Die Klimawende muss das Leben der Menschen besser und nicht unsicherer machen. Wenn Klimaschutz zu besseren Wohnungen, niedrigeren Energiekosten und mehr sozialer Sicherheit führt, wird er nicht als Belastung wahrgenommen, sondern als Fortschritt. Deshalb müssen eine soziale Klimapolitik machen: Eine erfolgreiche Gebäudewende ist nicht nur eine Frage von CO₂-Einsparungen, sondern auch eine Frage von Bezahlbarkeit.
Wenn Sie drei konkrete Maßnahmen nennen müssten: Was sollte die Europäische Union in den kommenden Jahren tun, damit Klimaschutz, Investitionen und vor allem bezahlbares Wohnen miteinander vereinbar bleiben?
Die drei wichtigsten Maßnahmen sind meiner Meinung nach:
1. Bezahlbarkeit sichern und Spekulation eindämmen. Die EU braucht einen klaren Maßstab für bezahlbares Wohnen: Kein Haushalt sollte dauerhaft mehr als 30 Prozent seines verfügbaren Einkommens für Wohnkosten aufwenden müssen. Gleichzeitig müssen wir die Finanzialisierung des Wohnungsmarktes stärker regulieren – mit mehr Transparenz über Eigentümer, Transaktionen und Renditen sowie Maßnahmen gegen Spekulation und übermäßige Marktkonzentration.
2. Öffentliche Investitionen in bezahlbaren Wohnraum stärken und privates Kapital auf sozialen Mehrwert ausrichten. Wir brauchen deutlich mehr öffentliche Investitionen in sozialen und dauerhaft bezahlbaren Wohnraum. Gleichzeitig sollte die EU privates Kapital gezielt für gesellschaftlichen Nutzen mobilisieren – etwa über öffentlich gemanagte Wohnungsfonds, die Förderung von Genossenschaften oder Impact-Investments. Entscheidend ist nicht nur, wie viel Kapital mobilisiert wird, sondern wofür es eingesetzt wird.
3. Eine gerechtere Steuer- und Finanzierungsstruktur schaffen. Die Kosten der Transformation dürfen nicht bei denjenigen landen, die sie am wenigsten tragen können. Deshalb müssen Steuerschlupflöcher bei Immobilieninvestitionen, etwa durch Share Deals, geschlossen und grenzüberschreitende Steuervermeidung stärker bekämpft werden. So können zusätzliche öffentliche Mittel für Klimaschutz, Wohnraum und soziale Infrastruktur mobilisiert werden. Klimaschutz, Investitionen und bezahlbares Wohnen sind kein Widerspruch, sondern greifen ineinander. Wenn wir Regulierung, öffentliche Investitionen und private Finanzierung richtig gestalten, kann die Transformation gleichzeitig ökologisch und sozial gerecht sein.
Das Interview macht deutlich, dass Rasmus Andresen die Ursachen der europäischen Wohnungskrise vor allem in der Finanzialisierung des Wohnungsmarktes, einem strukturellen Mangel an öffentlichem und gemeinnützigem Wohnraum sowie unzureichend sozial abgefederten Sanierungsprogrammen verortet. Seine Vorschläge – darunter ein verbindlicher europäischer Bezahlbarkeitsmaßstab, ein EU-Wohnungsbaufonds, eine stärkere Regulierung institutioneller Immobilieninvestoren sowie eine Kopplung von Fördermitteln an langfristige Bezahlbarkeitsauflagen – zielen darauf ab, Klimaschutz und soziale Sicherheit im Gebäudesektor stärker miteinander zu verbinden.
Andresens Positionen stehen exemplarisch für eine wohnungspolitische Richtung, die stärkere staatliche und europäische Eingriffe in den Wohnungsmarkt befürwortet und damit auch kontroverse Fragen aufwirft – etwa zur Reichweite europäischer Zuständigkeiten, zur Wirkung von Mietregulierung auf das Wohnungsangebot oder zur Finanzierbarkeit umfangreicher öffentlicher Förderprogramme. Diese Fragen dürften in der weiteren europapolitischen Debatte über bezahlbares Wohnen und die Gebäudewende von zentraler Bedeutung bleiben.