Europa oder China? Washingtons schwierige Abschreckung an zwei Fronten

Die USA überprüfen ihre Truppenpräsenz in Europa, während Russland mit neuen Drohnen die ukrainische Luftverteidigung unter Druck setzt. Gleichzeitig wartet Taiwan auf amerikanische Waffen. Im US-Senat wächst damit eine strategische Frage: Kann Washington Russland und China gleichzeitig abschrecken – oder muss es zwischen Europa und dem Indopazifik priorisieren? Xi Jinping and Putin © Kremlin.ru, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

WASHINGTON — Mehr als 80.000 amerikanische Militärangehörige und zivile Mitarbeiter gehören derzeit zum U.S. European Command. Noch im März bezifferte das US-Verteidigungsministerium die Zahl seines Personals in Europa auf mehr als 86.000. Doch die amerikanische Präsenz auf dem Kontinent steht zur Disposition. Das Pentagon überprüft seit Juni seine europäische Truppenstruktur; nach Reuters-Informationen sollen mehrere Optionen für mögliche Veränderungen ausgearbeitet werden. Auch eine deutlich stärkere Reduzierung der amerikanischen Präsenz bleibt Gegenstand der Debatte.

Damit erreicht Washington eine strategische Diskussion, die weit über die Zahl amerikanischer Soldaten in Deutschland, Polen oder Rumänien hinausgeht. Russland intensiviert den Einsatz neuer Drohnentypen gegen die Ukraine und testet zugleich die Sicherheit an der Ostflanke der NATO. Im Indopazifik erhöht China den militärischen Druck auf Taiwan, während in Washington über Milliarden Dollar an noch ausstehenden Waffenlieferungen gestritten wird. Zugleich sind amerikanische Luftverteidigungssysteme, Präzisionsmunition und industrielle Produktionskapazitäten nicht unbegrenzt verfügbar.

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht mehr nur, wie viel Europa selbst für seine Verteidigung ausgeben muss. Sie lautet: Wie verteilt eine globale Militärmacht knappe Kräfte und Waffen zwischen zwei strategischen Schauplätzen, wenn Russland und China gleichzeitig Abschreckung erfordern?

Diese Frage eignet sich besonders für ein Interview mit Mitgliedern des Armed Services Committee oder des Foreign Relations Committee im US-Senat. Denn dort verläuft die Debatte nicht sauber entlang der Parteigrenzen.

Europa: Truppenabbau mitten in einer neuen Bedrohungslage

Nach Russlands Großinvasion der Ukraine 2022 hatten die USA ihre Präsenz in Europa zeitweise auf rund 105.000 Soldaten erhöht. Danach sank die Zahl wieder. Im Frühjahr 2026 ordnete Präsident Donald Trump zudem den Abzug von ungefähr 5.000 Soldaten aus Deutschland an. Bereits zuvor waren amerikanische Kräfte unter anderem aus Rumänien reduziert worden.

Die Frage ist, wo die Untergrenze einer glaubwürdigen amerikanischen Präsenz liegt.

Der republikanische Vorsitzende des Senate Armed Services Committee, Roger Wicker aus Mississippi, gehört zu den deutlichsten Kritikern eines schnellen Rückzugs. Nach russischen Vorfällen im NATO-Luftraum erklärte Wicker im August, die Überprüfung der amerikanischen Truppenstruktur müsse berücksichtigen, dass Europas höhere Verteidigungsausgaben nicht sofort in einsatzfähige militärische Fähigkeiten übersetzt werden könnten.

„It will take time to translate this spending into military capability“, erklärte Wicker. Ziel müsse eine Struktur sein, die „credible deterrence of Russia and assurance of our allies“ gewährleiste.

Wicker verbindet damit zwei Positionen, die in Washington häufig gegeneinander ausgespielt werden: Europa soll mehr Verantwortung übernehmen – aber die Vereinigten Staaten sollen nicht schneller Truppen abziehen, als die Europäer die entstehenden militärischen Lücken schließen können.

Als Washington im Mai den Abzug einer Brigade aus Deutschland ankündigte, schlugen Wicker und der republikanische Vorsitzende des House Armed Services Committee, Mike Rogers, deshalb vor, die etwa 5.000 Soldaten nicht aus Europa abzuziehen, sondern weiter nach Osten zu verlegen. Ein verfrühter Rückzug könne „deterrence“ untergraben und Moskau das falsche Signal senden, erklärten sie.

Auch auf demokratischer Seite gibt es Widerstand. Jack Reed aus Rhode Island, der ranghöchste Demokrat im Armed Services Committee, bezeichnete den Abzug aus Deutschland als schweren Fehler und warnte davor, die amerikanische Präsenz zu schwächen, während Russland die Ukraine angreife und NATO-Staaten unter Druck setze.

Der Konflikt im Senat dreht sich damit weniger um die Forderung nach europäischer Lastenteilung als um deren Geschwindigkeit. NATO-Staaten haben höhere Verteidigungsausgaben zugesagt. Aber Geld allein produziert kurzfristig weder Patriot-Abfangraketen noch Artilleriemunition, Luftverteidigung, Logistik oder einsatzfähige Brigaden.

© European Union, 2026, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Die Ukraine wird zum Labor der nächsten Abschreckung

Gleichzeitig verändert sich der Krieg selbst.

Russland setzt inzwischen in größerem Umfang strahlgetriebene Shahed-Drohnen ein. Sie fliegen schneller und höher als ältere propellergetriebene Varianten und können damit Teile der mobilen ukrainischen Luftverteidigung umgehen. Reuters berichtete am 22. September, dass solche Drohnen Höhen von vier bis sieben Kilometern erreichen. Ukrainische mobile Teams, die zuvor viele Shaheds mit tragbaren Flugabwehrwaffen bekämpfen konnten, können sie dort teilweise nicht mehr erreichen. Die ukrainische Abfangquote bei diesen Systemen liegt nach Reuters-Angaben nur noch bei etwa 60 Prozent; zuvor waren bei älteren Varianten ungefähr 90 Prozent erreicht worden. Allein in den ersten drei Septemberwochen setzte Russland demnach rund 2.100 dieser Angriffsdrohnen sowie 136 Raketen gegen die Ukraine ein.

Damit verschiebt sich auch die ökonomische Gleichung der Luftverteidigung. Wenn vergleichsweise billige Drohnen teure Abfangraketen erzwingen, gewinnt nicht nur die technische Leistungsfähigkeit eines Systems an Bedeutung, sondern auch Produktionsmenge und Kosten pro Abschuss.

NATO reagiert bereits auf diese Entwicklung. Die NATO Communications and Information Agency startete im September einen Wettbewerb für KI-gestützte Systeme, die Daten verschiedener Sensoren zusammenführen und kleine Drohnen schneller erkennen und klassifizieren sollen. Auch gegen glasfasergesteuerte FPV-Drohnen – Systeme, die elektronische Störmaßnahmen umgehen können – arbeitet die Allianz gemeinsam mit ukrainischen Partnern an neuen Lösungen.

Für Washington ist die Ukraine deshalb nicht nur ein europäischer Kriegsschauplatz. Sie ist ein Testfeld für Technologien, die auch in einem möglichen Konflikt im Indopazifik relevant wären: autonome Systeme, günstige Drohnen, elektronische Kampfführung, verteilte Sensoren und massenhaft verfügbare Präzisionswaffen.

Die demokratische Senatorin Jeanne Shaheen, ranghöchstes Mitglied ihrer Partei im Foreign Relations Committee, formulierte dieses Problem im Juni ausdrücklich. Der Krieg habe gezeigt, „that the defense stockpile that we thought we had for weapons is not as good as we thought it was“. Auch die industrielle Basis sei weniger reaktionsfähig gewesen als angenommen. Gleichzeitig veränderten Drohnen, künstliche Intelligenz und andere Technologien die Kriegführung in hoher Geschwindigkeit.

Im August ging Shaheen noch einen Schritt weiter. Unter Berufung auf Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj warnte sie, China unterstütze Russland bei der Entwicklung einer eigenen Alternative zu Starlink. Sollte diese Technologie verfügbar werden, könne sie Russlands Drohnenfähigkeiten weiter verbessern.

Damit verschmelzen die beiden Schauplätze bereits technologisch: China ist nicht nur Washingtons wichtigster militärischer Konkurrent im Pazifik. Chinesische Technologie, Komponenten und wirtschaftliche Beziehungen zu Russland beeinflussen zugleich den Krieg in Europa.

President Donald J. Trump with President Xi Jinping © The White House, Public domain, via Wikimedia Commons

Taiwan wartet auf amerikanische Waffen

Die zweite Seite der Gleichung liegt rund 8.000 Kilometer östlich der Ukraine.

Taiwan versucht seine Streitkräfte für eine asymmetrische Verteidigung gegen die Volksrepublik China auszubauen. Im Zentrum stehen mobile Raketen, Luftverteidigung, Drohnen, Gegen-Drohnen-Systeme, Kommando- und Kommunikationsstrukturen sowie ausreichend große Munitionsbestände.

Doch gerade bei amerikanischen Waffen bestehen erhebliche Verzögerungen.

Ein geplantes US-Paket für Taiwan im Umfang von bis zu 14 Milliarden Dollar war im Sommer weiterhin nicht vollständig umgesetzt. Taiwans Vertreter in Washington, Alexander Yui, erklärte im Juni gegenüber der Associated Press, die Insel benötige die amerikanischen Waffen für ihre Selbstverteidigung. Senatorinnen und Senatoren beider Parteien drängen die Regierung seit Monaten darauf, Lieferungen und Genehmigungen zu beschleunigen.

Shaheen hatte bereits im April gewarnt, in Taiwan befänden sich Waffen im Milliardenwert in der Lieferpipeline. Jede Andeutung, Waffenverkäufe könnten wegen der Beziehungen zu Peking verzögert werden, untergrabe die Glaubwürdigkeit Washingtons – und zwar nicht nur im Indopazifik.

Gemeinsam mit den republikanischen Senatoren John Curtis und Thom Tillis sowie der Demokratin Jacky Rosen forderte sie Taiwan zugleich auf, seine eigenen Verteidigungsinvestitionen zu erhöhen. Genannt wurden unter anderem amerikanische Gegen-Drohnen-Systeme, ein integriertes Gefechtsführungssystem und Mittelstreckenmunition für die Luftverteidigung. Die Senatoren verwiesen ausdrücklich auf die Lehren aus den jüngsten Kriegen: Moderne Streitkräfte benötigten in großer Zahl relativ günstige, dynamisch einsetzbare Systeme.

Curtis zieht die Verbindung zwischen den Schauplätzen besonders deutlich. Nach einem Besuch in der Ukraine erklärte der Republikaner, China beobachte genau, wie Washington auf Russlands Krieg reagiere. „What happens in Ukraine is directly tied to Taiwan and stability in the Indo-Pacific“, sagte Curtis.

Diese These ist in Washington umstritten. Kritiker einer starken amerikanischen Bindung in Europa argumentieren, dass Kräfte, Munition und politische Aufmerksamkeit für den Indopazifik reserviert werden müssten. Befürworter einer starken NATO-Präsenz argumentieren dagegen, dass ein Rückzug aus Europa die amerikanische Glaubwürdigkeit auch gegenüber Peking schwächen könnte. Die Debatte betrifft damit nicht nur Ressourcen, sondern zwei unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Abschreckung funktioniert.

Zwei Gegner – ein Arsenal

Hinter der geopolitischen Debatte steht ein industrielles Problem.

Patriot-Abfangraketen, weitreichende Präzisionswaffen, Artilleriemunition und andere Systeme können nicht beliebig zwischen Europa, dem Nahen Osten und dem Indopazifik verteilt werden. Der Krieg in der Ukraine hat die Produktionsgrenzen der westlichen Rüstungsindustrie sichtbar gemacht. Konflikte im Nahen Osten haben den Bedarf zusätzlich erhöht.

Genau hier liegt möglicherweise die wichtigste Verbindung zwischen Russland- und China-Politik: Washington kann die strategische Frage „Europa oder Asien?“ nicht allein durch Truppenverschiebungen beantworten. Entscheidend ist, ob die USA und ihre Verbündeten genügend Waffen produzieren können, um Abschreckung in mehreren Regionen gleichzeitig glaubwürdig zu machen.

Der Kongress hat darauf reagiert. Der Verteidigungshaushalt für 2026 stärkte unter anderem Investitionen in die industrielle Basis, Drohnenproduktion und kostengünstigere Waffensysteme und verband Unterstützung für die Ukraine mit zusätzlichen Maßnahmen für den Indopazifik und Taiwan. Wicker sprach dabei von einer notwendigen Wiederherstellung des amerikanischen „arsenal of democracy“. Der demokratische Senator Reed erklärte, das Gesetz stärke die amerikanische Position gegenüber Wettbewerbern und zugleich die Allianzen in Europa und im Indopazifik.

Auch bei der Ukraine setzt eine parteiübergreifende Senatorengruppe inzwischen stärker auf europäische Finanzierung und schnellere Produktion. Thom Tillis, Tim Kaine, John Cornyn, Chris Coons, Mark Kelly und weitere Senatoren brachten im Juli einen Gesetzentwurf ein, der den Kauf und die Weitergabe großer Mengen vergleichsweise einfacher Munition an die Ukraine erleichtern soll. Dazu gehören 155-Millimeter-Artilleriemunition sowie HIMARS- und GMLRS-Munition.

Das Modell dahinter könnte für die gesamte amerikanische Strategie relevant werden: Europa übernimmt mehr Finanzierung und konventionelle Verteidigungskapazität, während die Vereinigten Staaten ihre industrielle Produktion erhöhen und bestimmte schwer ersetzbare Fähigkeiten für mehrere Kriegsschauplätze verfügbar halten.

Abschreckung lässt sich nicht vollständig regional trennen

Der politische Druck, Prioritäten zu setzen, bleibt dennoch bestehen.

Noch am 22. September warnten Shaheen, Reed, Chris Coons, Mark Warner, Elizabeth Warren und weitere demokratische Senatoren vor Chinas militärischem Druck auf Taiwan und verwiesen gleichzeitig auf Pekings Unterstützung für Russlands Kriegswirtschaft. Die Verbindung beider Herausforderungen ist damit längst Teil der Debatte auf dem Capitol Hill.

Auch Republikaner argumentieren zunehmend theaterübergreifend. Wicker erklärte im März, amerikanische Operationen und Unterstützung in Europa, dem Nahen Osten und anderen Regionen seien mit der strategischen Konkurrenz mit China verbunden. Gleichzeitig kritisierte er, Washington könne von Verbündeten nicht verlangen, mehr zu leisten, während es selbst seine Unterstützung schneller reduziere.

Das macht die einfache Alternative „Europa oder China?“ gerade deshalb zu einer ergiebigen Interviewfrage. Denn jede Antwort zwingt zu konkreten Entscheidungen.

Wie viele US-Soldaten braucht Europa, damit Russland von einem Angriff auf NATO-Gebiet abgeschreckt bleibt? Welche Fähigkeiten können europäische Staaten übernehmen – und bis wann? Sollten amerikanische Patriot-Systeme und andere knappe Waffen vorrangig für Taiwan und den Indopazifik reserviert werden? Welche Lehren aus ukrainischer Drohnenkriegführung müssen unmittelbar in Taiwans Verteidigungsplanung einfließen? Und wie groß muss die amerikanische Rüstungsindustrie werden, damit Washington nicht mehr zwischen Verbündeten und Kriegsschauplätzen wählen muss?

Die Pentagon-Überprüfung der europäischen Truppenpräsenz macht diese Fragen akut. Nach Reuters-Informationen werden derzeit Optionen für die künftige Struktur der ungefähr 80.000 amerikanischen Kräfte in Europa ausgearbeitet. Shaheen und sieben weitere Senatorinnen und Senatoren forderten Außenminister und Nationalen Sicherheitsberater Marco Rubio am 17. September auf, das State Department stärker in diese Entscheidungen einzubeziehen. Veränderungen, die militärisch begrenzt erscheinen könnten, hätten potenziell erhebliche Folgen für die Beziehungen zu NATO-Partnern, insbesondere an der Ostflanke, argumentierten sie.

Damit wird aus einer Truppenfrage eine Grundsatzfrage amerikanischer Strategie.

Washington verfügt weiterhin über ein globales Bündnissystem, das weder Russland noch China in vergleichbarer Form besitzen. Gleichzeitig muss dieses Netzwerk militärisch unterlegt werden: mit Soldaten, Luftverteidigung, Munition, Produktionskapazitäten und politischer Glaubwürdigkeit.

Die entscheidende Frage für Senatorinnen und Senatoren lautet deshalb nicht nur, ob Europa oder China Priorität erhalten soll.

Sie lautet, welche militärischen Fähigkeiten Washington in Europa belassen muss, welche Verantwortung die Europäer übernehmen können und welche industrielle Kapazität notwendig ist, damit die Vereinigten Staaten Russland abschrecken können, ohne ihre Position gegenüber China und ihre Unterstützung für Taiwan zu schwächen.

Genau an diesem Punkt treffen sich die drei derzeit wichtigsten sicherheitspolitischen Debatten Washingtons: die Zukunft der US-Truppen in Europa, die technologischen Lehren aus dem Drohnenkrieg in der Ukraine und die Frage, ob amerikanische Waffenlieferungen an Taiwan schnell genug erfolgen, um Abschreckung in der Taiwanstraße glaubwürdig zu halten.