Europa im neuen Systemwettbewerb mit den USA und China

Die USA und China haben sich zu Systemmächten entwickelt, Europa droht in diesem neuen Systemwettbewerb ins Hintertreffen zu geraten – weil es an der Fähigkeit fehlt, seine Stärken zu einem eigenen, funktionsfähigen System zu verknüpfen. Bild: © Tim Flavor

Während Brüssel über Bürokratieabbau, Energiepreise und schnellere Genehmigungen diskutiert, verschiebt sich die eigentliche Machtfrage längst woanders hin: Die USA und China haben sich zu Systemmächten entwickelt, die Technologien, Kapital, Daten und Infrastruktur zu geschlossenen Innovationsökosystemen verbinden. Europa droht in diesem neuen Systemwettbewerb ins Hintertreffen zu geraten – nicht wegen einzelner Standortnachteile, sondern weil es an der Fähigkeit fehlt, seine Stärken zu einem eigenen, funktionsfähigen System zu verknüpfen.

Warum das Verhältnis zwischen den USA, China und Europa über die Wettbewerbsfähigkeit des 21. Jahrhunderts entscheidet

In Brüssel wird intensiv darüber diskutiert, wie Europa seine Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen kann. Die üblichen Antworten lauten: weniger Regulierung, niedrigere Energiepreise, mehr Investitionen, schnellere Genehmigungen. All das ist richtig. Und doch könnte es am eigentlichen Problem vorbeigehen. Denn Europas Wettbewerbsfähigkeit ist nicht nur deshalb gesunken, weil einzelne Standortbedingungen schlechter geworden sind. Europa droht vielmehr, den Anschluss an jene technologischen und ökonomischen Systeme zu verlieren, in denen die Wertschöpfung des 21. Jahrhunderts stattfinden wird.

Damit verändert sich auch die geopolitische Perspektive. Der Wettbewerb zwischen den USA, China und Europa ist längst mehr als ein Wettbewerb um Marktanteile, Investitionen oder Handelsüberschüsse. Er ist zu einem Systemwettbewerb geworden. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr allein, wer die effizientesten Unternehmen besitzt, sondern wer Technologien, Infrastrukturen, Kapital, Daten, Energie, Wissen und politische Macht zu einem funktionsfähigen Gesamtsystem verbinden kann. USA und China sind in diesem Sinne zu Systemmächten geworden. Europa ist es bislang nur eingeschränkt.

Von der Globalisierung zum Systemwettbewerb

Die Globalisierung der vergangenen Jahrzehnte beruhte auf einer vergleichsweise einfachen Vorstellung: Länder und Unternehmen spezialisieren sich entlang globaler Wertschöpfungsketten, Technologien diffundieren über Grenzen hinweg, Kapital fließt dorthin, wo es produktiv eingesetzt werden kann. Geopolitische und wirtschaftliche Ordnung konnten weitgehend getrennt betrachtet werden.

Diese Welt verschwindet. Technologien sind heute nicht mehr nur Produkte, sondern Bestandteile umfassender Ökosysteme. Künstliche Intelligenz benötigt Halbleiter, Rechenzentren, Cloud-Infrastrukturen, Daten, Energie und spezialisierte Fachkräfte. Elektromobilität benötigt Batterien, Rohstoffe, Ladeinfrastruktur, Software und Stromnetze. Die Dekarbonisierung wiederum hängt von Netzen, Speichern, Wasserstoffinfrastrukturen, industriellen Prozessen und neuen Finanzierungsmodellen ab.

Wer einzelne Bestandteile beherrscht, kontrolliert deshalb noch lange nicht das System. Umgekehrt können Abhängigkeiten an wenigen strategischen Knotenpunkten die Handlungsfähigkeit ganzer Volkswirtschaften einschränken. Genau daraus entsteht die neue Geopolitik. Wirtschaftliche Interdependenz verschwindet nicht, aber sie verändert ihren Charakter. Aus Effizienzbeziehungen werden strategische Abhängigkeiten. Aus Lieferketten werden Machtstrukturen. Aus technologischen Standards werden geopolitische Einflusszonen.

Das Verhältnis zwischen den USA, China und Europa muss vor diesem Hintergrund neu verstanden werden.

USA: Innovation als System

Die besondere Stärke der Vereinigten Staaten besteht nicht darin, dass der Staat dort weniger wirtschaftspolitisch aktiv wäre. Vielmehr greifen private und öffentliche Strukturen auf spezifische Weise ineinander. Die USA verbinden Grundlagenforschung, Spitzenuniversitäten, Verteidigungsforschung, Risikokapital, große Technologiekonzerne und einen riesigen Kapitalmarkt zu einem Innovationssystem. Neue Technologien können dadurch vergleichsweise schnell von der Forschung in skalierbare Geschäftsmodelle überführt werden.

Entscheidend ist die institutionalisierte Risikobereitschaft. Marktnahe Forschung und Unternehmensgründungen werden mit privatem Kapital finanziert, obwohl ihr Erfolg höchst unsicher ist. Scheitern gehört zum Innovationsprozess. Gleichzeitig übernimmt der Staat strategische Risiken – historisch über Verteidigungs- und Forschungsprogramme, heute zunehmend auch über Industriepolitik. Die USA verbinden damit Markt und Staat auf eine Weise, die der europäischen Vorstellung einer klaren Trennung von horizontaler Wettbewerbspolitik und selektiver Industriepolitik immer weniger entspricht. Vor allem aber besitzen sie mächtige Plattformen. Cloud, KI, digitale Kommunikation, Software und Finanzmärkte bilden Infrastrukturen, auf denen Unternehmen aus der ganzen Welt operieren. Technologische Stärke erzeugt dadurch strukturelle Macht.

China: Skalierung als System

China verfolgt einen anderen Weg. Während das amerikanische System Risiken stark über Kapitalmärkte verteilt, kann China strategische Risiken politisch übernehmen und Ressourcen konzentrieren. Industriepolitik, Infrastruktur, Finanzierung, Forschung und Marktentwicklung werden stärker koordiniert. Das ermöglicht eine enorme Geschwindigkeit bei der Skalierung neuer Technologien. Bei Batterien, Solarenergie, Elektromobilität oder zunehmend auch digitalen Technologien zeigt sich, welche Wirkung entstehen kann, wenn Produktion, Infrastruktur, Nachfrage und Finanzierung gleichzeitig entwickelt werden.

Das chinesische Modell hat erhebliche eigene Probleme: Fehlallokationen, Überkapazitäten, politische Eingriffe und hohe Verschuldung gehören dazu. Doch für den internationalen Wettbewerb ist entscheidend, dass China technologische Entwicklung nicht isoliert betrachtet. Neue Industrien werden als Bestandteile strategischer Systeme verstanden. China konkurriert daher nicht lediglich mit europäischen Automobil-, Maschinenbau- oder Chemieunternehmen. Es entwickelt alternative Wertschöpfungsarchitekturen. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung.

Europa zwischen zwei Systemmächten

Europa befindet sich in einer fundamental anderen Lage. Seine traditionellen Stärken sind keineswegs verschwunden: eine breite industrielle Basis, exzellente Grundlagenforschung, hochqualifizierte Beschäftigte, innovative mittelständische Unternehmen und ein großer Binnenmarkt. Doch diese Stärken kommen in den entstehenden Systemen immer weniger zur Geltung.

Europa besitzt hervorragende Forschung, aber zu wenig Skalierung. Es besitzt innovative Unternehmen, aber einen fragmentierten Kapitalmarkt. Es baut erneuerbare Energien aus, verfügt aber nicht überall über die notwendigen Netze, Speicher und digitalen Steuerungssysteme. Es reguliert digitale Märkte, besitzt aber kaum globale digitale Plattformen. Es fördert Start-ups, verliert erfolgreiche Unternehmen jedoch häufig spätestens in der Wachstumsphase an amerikanische Kapitalmärkte. Das Problem liegt deshalb tiefer als in einzelnen Standortnachteilen. Europa leidet unter einer systemischen Fragmentierung.

Und diese ökonomische Fragmentierung erzeugt geopolitische Abhängigkeit. Europa ist sicherheitspolitisch auf die Vereinigten Staaten angewiesen, bei zentralen digitalen Infrastrukturen von amerikanischen Unternehmen abhängig und bei zahlreichen industriellen Vorprodukten und Rohstoffen eng mit China verflochten. Damit entsteht ein strategisches Dreieck mit höchst unterschiedlichen Positionen: Die USA verfügen über technologische und sicherheitspolitische Macht, China über industrielle Skalierungs- und Produktionsmacht, Europa vor allem über Markt- und Regulierungsmacht. Letzteres reicht auf Dauer nicht.

Souveränität ist produktiv

Europa hat lange versucht, Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität getrennt zu behandeln. Wettbewerbsfähigkeit gehörte in die Wirtschafts-, Souveränität in die Außen- und Sicherheitspolitik. Im neuen Systemwettbewerb lässt sich diese Trennung nicht aufrechterhalten. Souveränität wird selbst zu einer ökonomischen Kategorie.

Wer keinen Zugang zu kritischen Technologien besitzt, kann wirtschaftlich erpressbar werden. Wer seine Daten nicht kontrolliert, verliert Handlungsmöglichkeiten. Wer über keine ausreichende Energie- oder Verteidigungsinfrastruktur verfügt, muss wirtschaftspolitische Entscheidungen unter geopolitischen Restriktionen treffen. Das bedeutet allerdings nicht Autarkie. Ein souveränes Europa muss nicht sämtliche Technologien selbst produzieren. Eine solche Strategie wäre weder geopolitisch realistisch noch ökonomisch sinnvoll. Souveränität bedeutet vielmehr, Wahlmöglichkeiten zu besitzen: Abhängigkeiten substituieren zu können, strategische Knotenpunkte zu kontrollieren und Kooperationen aus eigener Handlungsfähigkeit heraus einzugehen.

Damit verändert sich auch das Verhältnis zu den USA und China. Europas Ziel kann weder eine Äquidistanz zwischen Washington und Peking noch eine naive Vorstellung vollständiger strategischer Autonomie sein. Sicherheitspolitisch bleibt die transatlantische Partnerschaft zentral. Wirtschaftlich bleibt China ein bedeutender Markt und Produktionsstandort. Aber Partnerschaft ist etwas anderes als Abhängigkeit.

Prof. Dr. Henning Vöpel ist ein deutscher Ökonom und leitete von 2014 bis 2021 als Direktor und Geschäftsführer das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) Foto: © Tim Flavor

Vier Prinzipien einer europäischen Systempolitik

Eine europäische Antwort auf den Systemwettbewerb müsste deshalb mit vier überkommenen Vorstellungen brechen.

Erstens: in Systemen denken. Technologien entfalten ihre Produktivität erst durch komplementäre Technologien und Infrastrukturen. Die Energiewende besteht nicht aus Windrädern, Digitalisierung nicht aus Glasfaserkabeln und Elektromobilität nicht aus Batterien. Politik muss deshalb stärker von den zukünftigen Systemen her denken: Welche technologischen, infrastrukturellen, finanziellen und institutionellen Komplementaritäten sind notwendig, damit neue Wertschöpfung entstehen kann?

Zweitens: Disruption zulassen. Transformation wird häufig so verstanden, als könnten bestehende Unternehmen, Strukturen und Geschäftsmodelle schrittweise in eine neue Welt überführt werden. Doch technologische Umbrüche funktionieren selten so harmonisch. Die Unternehmen der Zukunft sind nicht notwendigerweise die transformierten Unternehmen der Vergangenheit. Viele von ihnen werden erst heute gegründet. Europa benötigt deshalb nicht nur Transformationshilfen für bestehende Strukturen, sondern bessere Bedingungen für deren kreative Zerstörung.

Drittens: Komplexität reduzieren. Je komplexer technologische Systeme werden, desto weniger kann Politik deren Entwicklung regulatorisch im Detail vorgeben. Systemischer Wandel verlangt auf makroökonomischer Ebene Koordination, auf mikroökonomischer Ebene aber größtmögliche Offenheit. Der Staat muss Infrastruktur bereitstellen, Standards ermöglichen und strategische Ziele definieren. Welche Technologien und Geschäftsmodelle sich durchsetzen, sollte dagegen möglichst dezentral entschieden werden.

Viertens: Risiko ermöglichen. Wissen über die Zukunft entsteht erst dadurch, dass Zukunft ausprobiert wird. Wer Investitionen erst zulässt, wenn sämtliche Risiken bekannt und reguliert sind, wird systematisch zu spät kommen. Die USA mobilisieren privates Risikokapital, China kann staatliche Risiken übernehmen. Europa braucht seinen eigenen Mechanismus: tiefere Kapitalmärkte, mehr institutionelles Risikokapital und vor allem mehr Vertrauen in unabhängige Wissenschaft, verantwortliche Forschung und innovatives Unternehmertum.

Eine kybernetische Transformationspolitik

Daraus könnte ein neues Verständnis europäischer Wirtschaftspolitik entstehen. Klassische Industriepolitik versucht häufig, bestimmte Branchen zu fördern. Wettbewerbspolitik versucht, Marktmacht zu begrenzen. Regulierung setzt Regeln für Unternehmen. Infrastrukturpolitik stellt öffentliche Güter bereit.

Im technologischen Systemwettbewerb greifen diese Kategorien jedoch ineinander. Europa braucht deshalb eine Art kybernetische Transformationspolitik. Ihre Aufgabe wäre nicht, die Wirtschaft zentral zu steuern. Im Gegenteil: Sie müsste die Bedingungen schaffen, unter denen dezentrale Akteure neue Systeme hervorbringen können. Kybernetisch wäre diese Politik, weil sie Rückkopplungen berücksichtigt: zwischen Forschung und Kapital, Energie und Industrie, Digitalisierung und Verwaltung, Sicherheit und Technologie, Regulierung und Innovation. Sie würde weniger einzelne Ergebnisse planen als die Anpassungsfähigkeit des Gesamtsystems erhöhen.

Das wäre ein genuin europäischer Ansatz. Europa kann und sollte weder das amerikanische noch das chinesische Modell kopieren. Es besitzt eine andere institutionelle Tradition: dezentrale Marktwirtschaft, soziale Einbettung, föderale Strukturen, unabhängige Wissenschaft und rechtsstaatliche Ordnung. Gerade daraus könnte ein eigenes Systemmodell entstehen.

Europas dritte Position

Der kommende Systemwettbewerb muss deshalb nicht zwangsläufig in eine bipolare Welt aus USA und China führen. Eine solche Entwicklung würde Europa allerdings drohen, wenn es seine Rolle weiterhin überwiegend als Markt, Regulierer und geopolitischer Juniorpartner versteht. Die strategische Aufgabe besteht nicht darin, sich zwischen Amerika und China zu entscheiden. Sie besteht darin, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, überhaupt entscheiden zu können.

Europa braucht dafür keine vollständige technologische Autarkie. Es braucht aber eigene Fähigkeiten in jenen Bereichen, die über zukünftige Wertschöpfung und politische Handlungsfähigkeit entscheiden: künstliche Intelligenz, Energie, Halbleiter, Quantentechnologien, Verteidigung, digitale Infrastruktur, Biotechnologie und Kapitalmärkte. Der Wettbewerb zwischen USA, China und Europa wird daher nicht allein durch Wachstum, Produktivität oder Exportanteile entschieden. Er entscheidet sich an der Fähigkeit, technologische, wirtschaftliche und politische Ressourcen zu neuen Systemen zu verbinden. Europa besitzt dafür weiterhin außergewöhnliche Voraussetzungen. Was fehlt, ist weniger Wissen oder Kapital als die Fähigkeit, vorhandene Ressourcen neu zu kombinieren. Die entscheidende Frage für Brüssel lautet deshalb nicht, wie die Wettbewerbsfähigkeit der Vergangenheit wiederhergestellt werden kann. Sie lautet, in welchem System Europa in Zukunft wettbewerbsfähig sein will.

Denn neue Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht durch die Verteidigung alter Wachstumspfade. Sie entsteht dort, wo neue Wachstumspfade überhaupt erst möglich werden. Und genau dort entscheidet sich am Ende auch Europas Souveränität.

Hinweis zur Nutzung von KI: Dieser Text ist mit ChatGPT in Bezug auf Strukturierung und Gliederung überarbeitet und finalisiert worden.

  • Author

    Henning Vöpel is a German economist and university lecturer who directed the Hamburg Institute of International Economics (HWWI) from 2014 to 2021. Since October 2021, he has served as director of the Centre for European Policy (cep) and as a professor of economics at BSP Business & Law School Berlin.

    Image: Tim Flavor