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Deutschland steht vor einer der größten wirtschaftspolitischen Herausforderungen der vergangenen Jahrzehnte. Nach Jahren schwachen Wachstums, hoher Inflation, steigender Energiepreise und wachsender internationaler Konkurrenz kämpft Europas größte Volkswirtschaft um ihre Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig verändern geopolitische Krisen, neue Handelskonflikte und der technologische Wandel die Rahmenbedingungen für Unternehmen grundlegend.
Während die Bundesregierung mit einem umfangreichen Reformprogramm einen wirtschaftlichen Neustart einleiten möchte, fordern viele Unternehmen vor allem eines: mehr Planungssicherheit, weniger Bürokratie und bessere Investitionsbedingungen.
Besonders exportorientierte Branchen – vom Maschinenbau über die Chemie- und Pharmaindustrie bis hin zur Tabakindustrie – beobachten die politischen Entscheidungen mit großer Aufmerksamkeit. Gerade die Tabakindustrie zählt trotz ihrer starken Regulierung weiterhin zu den bedeutenden Industriezweigen Deutschlands. Sie investiert in moderne Produktionsstandorte, beschäftigt tausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und leistet jährlich erhebliche Steuerzahlungen. Für international tätige Unternehmen sind daher stabile politische Rahmenbedingungen und eine verlässliche Regulierung ebenso wichtig wie wettbewerbsfähige Energiepreise und funktionierende Lieferketten.
Im Gespräch mit The Transatlantic Ledger erläutert der CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Brodesser, welche Reformen Deutschland jetzt benötigt, weshalb Bürokratie und hohe Abgaben den Standort schwächen und warum Europa im internationalen Wettbewerb wieder stärker auf wirtschaftliche Stärke und Innovation setzen muss. Die Antworten beruhen auf den von Herrn Brodesser übermittelten Stellungnahmen.
Herr Brodesser, die Bundesregierung hat angekündigt, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nachhaltig stärken zu wollen. Welche Maßnahmen sollten jetzt oberste Priorität haben?
Carsten Brodesser: Deutschland muss nach meiner Überzeugung zunächst seine strukturellen Wettbewerbsnachteile abbauen. Dazu gehören insbesondere die hohe Steuer- und Abgabenlast sowie die umfangreichen bürokratischen Anforderungen, mit denen Unternehmen täglich konfrontiert werden.
Der Faktor Arbeit ist in Deutschland inzwischen schlicht zu teuer – nicht nur im internationalen Vergleich, sondern zunehmend auch im Wettbewerb innerhalb Europas. Gleichzeitig verbringen viele Unternehmen einen erheblichen Teil ihrer Zeit mit Dokumentations- und Berichtspflichten, deren tatsächlicher Nutzen häufig gering ist.
Deshalb müssen wir den Bürokratieabbau konsequent vorantreiben. Unternehmerinnen und Unternehmer sollten ihre Zeit wieder in Innovationen, Investitionen und Wachstum investieren können – nicht in immer neue Formulare. Die von der Bundesregierung angestoßenen Reformen können hierzu einen wichtigen Beitrag leisten. Ziel muss es sein, den Wohlstand zu sichern und gleichzeitig verlässliche Rahmenbedingungen für private Investitionen zu schaffen.

Deutschland befindet sich wirtschaftlich weiterhin in einer schwierigen Phase. Welche Reformen halten Sie für notwendig, um wieder stärkeres Wachstum zu ermöglichen?
In Wahrheit hätten zahlreiche Reformen bereits vor Jahren umgesetzt werden müssen. Vieles wurde über lange Zeit aufgeschoben, obwohl der wirtschaftliche Handlungsbedarf offensichtlich war.
Mit dem in dieser Woche beschlossenen Programm für Aufschwung und Beschäftigung werden aus meiner Sicht die richtigen Schwerpunkte gesetzt. Jetzt kommt es allerdings darauf an, diese Maßnahmen auch zügig umzusetzen. Im Mittelpunkt muss die Entlastung der Unternehmen stehen. Denn nur wirtschaftlich starke Unternehmen schaffen neue Arbeitsplätze, investieren in Forschung und Entwicklung und sichern langfristig unseren Wohlstand.
Viele Unternehmen beklagen hohe Bürokratiekosten. Welche konkreten Schritte sollten kurzfristig umgesetzt werden?
Hier wurden bereits wichtige Maßnahmen angekündigt. Besonders begrüße ich das geplante Berichtsentlastungsgesetz. Künftig sollen gesetzliche Berichtspflichten grundsätzlich entfallen, sofern ihre Notwendigkeit nicht ausdrücklich begründet werden kann. Das bedeutet einen echten Perspektivwechsel: Nicht Unternehmen müssen künftig jede einzelne Dokumentationspflicht rechtfertigen, sondern der Staat muss erklären, warum sie überhaupt erforderlich ist.
Ebenso wichtig ist es, die Vielzahl verpflichtender betrieblicher Beauftragter auf das europäische Mindestmaß zurückzuführen. Das alles sind wichtige Schritte. Dennoch dürfen wir nicht stehen bleiben. Bürokratieabbau ist kein einmaliges Projekt, sondern eine dauerhafte politische Aufgabe.
Der Mittelstand gilt als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Wo sehen Sie aktuell den größten politischen Handlungsbedarf?
Unsere mittelständischen Unternehmen brauchen vor allem bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Dazu gehören niedrigere Unternehmenssteuern, sinkende Lohnnebenkosten und international wettbewerbsfähige Energiepreise. Gleichzeitig müssen wir bürokratische Belastungen konsequent abbauen.
Ein wichtiger Schritt war bereits die deutliche Entschärfung des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen verfügen häufig nicht über die personellen Kapazitäten, um umfangreiche Dokumentationspflichten dauerhaft zu erfüllen. Die frei werdenden Ressourcen sollten stattdessen in Innovationen, Digitalisierung und neue Geschäftsmodelle investiert werden können.
Von einer solchen Wirtschaftspolitik profitieren nicht nur klassische Mittelständler, sondern sämtliche produzierenden Industrien – von der Chemie- und Pharmaindustrie über den Maschinenbau bis zur Tabakindustrie. Gerade diese exportorientierten Branchen stehen im intensiven internationalen Wettbewerb und benötigen verlässliche politische Rahmenbedingungen, wettbewerbsfähige Produktionskosten und Planungssicherheit für langfristige Investitionen.
Deutschland bleibt ein bedeutender Produktionsstandort für internationale Tabakunternehmen. Hohe Investitionen in moderne Fertigung, Forschung zu potenziell risikoreduzierten Produkten sowie umfangreiche Steuerleistungen zeigen, dass diese Industrie weiterhin ein wichtiger Bestandteil der deutschen Wertschöpfung ist. Umso wichtiger ist aus meiner Sicht eine Regulierung, die Gesundheitsziele verfolgt, gleichzeitig aber wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und Investitionssicherheit nicht aus dem Blick verliert.
Deutschland verfolgt ehrgeizige Klimaziele. Gleichzeitig warnen viele Industrieunternehmen vor steigenden Kosten und einem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Wie kann beides gelingen?
Für mich steht außer Frage, dass wir den Klimawandel entschlossen bekämpfen müssen. Gleichzeitig dürfen wir die wirtschaftliche Realität nicht ausblenden. Klimaschutz wird nur dann dauerhaft erfolgreich sein, wenn Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gemeinsam an Lösungen arbeiten. Deshalb halte ich wenig von einer Politik, die ausschließlich auf Verbote oder immer neue Regulierungen setzt. Unternehmen brauchen Planungssicherheit und realistische Zielvorgaben. Klimaneutralität muss ambitioniert sein, gleichzeitig aber wirtschaftlich erreichbar bleiben.
Gerade die Industrie benötigt Investitionssicherheit über viele Jahre hinweg. Unternehmen investieren Milliardenbeträge in neue Produktionsanlagen, moderne Technologien und klimafreundliche Verfahren. Solche Entscheidungen lassen sich nur treffen, wenn die politischen Rahmenbedingungen langfristig verlässlich sind. Das gilt für den Maschinenbau ebenso wie für die Automobilindustrie, die Chemie- und Pharmaindustrie oder andere energieintensive Branchen. Auch die Tabakindustrie investiert kontinuierlich in moderne Produktionsprozesse und neue Produktentwicklungen. Wer nachhaltige Transformation erwartet, muss Unternehmen gleichzeitig die wirtschaftlichen Voraussetzungen schaffen, diese Investitionen überhaupt leisten zu können.
Welche Bedeutung messen Sie Innovationen und Zukunftstechnologien für den Wirtschaftsstandort Deutschland in den kommenden zehn Jahren bei?
Ich halte diese Frage für entscheidend. Deutschland war über Jahrzehnte weltweit für seine Ingenieurskunst, seine Forschung und seine Innovationskraft bekannt. Darauf können wir stolz sein. Gleichzeitig dürfen wir uns auf vergangenen Erfolgen nicht ausruhen. Heute erleben wir weltweit eine technologische Zeitenwende. Künstliche Intelligenz, Halbleitertechnologien, Digitalisierung, moderne Produktionsverfahren und neue Energieformen verändern ganze Industrien. Wenn Deutschland hier nicht Schritt hält, verlieren wir langfristig unsere Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb reicht es nicht mehr aus, lediglich gute Forschung zu betreiben. Wir müssen Innovationen wieder stärker in Deutschland produzieren, zur Marktreife bringen und industrielle Wertschöpfung im eigenen Land sichern.
Besonders im Bereich der Künstlichen Intelligenz sehen wir derzeit, dass amerikanische Unternehmen vielfach den technologischen Takt vorgeben. Europa verfügt zwar über hervorragende Wissenschaft und innovative Unternehmen, dennoch müssen wir deutlich schneller werden. Ich begrüße deshalb ausdrücklich, dass Zukunftstechnologien von der Bundesregierung stärker unterstützt werden sollen. Dabei geht es nicht nur um KI, sondern ebenso um den Automobilsektor, den Maschinenbau, Clean Technologies, die Kreislaufwirtschaft, die Batterie- und Halbleiterproduktion sowie die chemische und pharmazeutische Industrie. Deutschland sollte wieder stärker für technologische Spitzenleistungen stehen – mit dem Anspruch, Innovationen nicht nur zu entwickeln, sondern auch hierzulande erfolgreich zu produzieren.
Viele Unternehmen wünschen sich technologieoffenere politische Entscheidungen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ja, eindeutig. Technologie entwickelt sich heute schneller als politische Prozesse. Deshalb sollte Politik keine einzelnen Technologien bevorzugen oder ausschließen, sondern Ziele definieren und Innovation ermöglichen. Gerade in Zeiten tiefgreifender technologischer Veränderungen wäre es ein Fehler, Entwicklungen bereits im Vorfeld politisch einzuengen. Wir müssen offen bleiben für neue Lösungen und Unternehmen die Freiheit geben, unterschiedliche Technologien zu entwickeln. Nur so können wir international wettbewerbsfähig bleiben.
Deutschland steht im internationalen Wettbewerb zunehmend unter Druck. Welche Standortvorteile müssen künftig gezielt ausgebaut werden?
Unsere geografische Lage in Europa bleibt ein wichtiger Vorteil. Ebenso verfügen wir weiterhin über hervorragend ausgebildete Fachkräfte und eine starke industrielle Basis. Doch diese traditionellen Stärken reichen heute allein nicht mehr aus. Wir benötigen deutlich mehr Tempo bei der Digitalisierung. Der flächendeckende Ausbau von Glasfasernetzen, moderne digitale Verwaltungsstrukturen und vollständig digitalisierte Genehmigungsverfahren gehören heute zu den wichtigsten Standortfaktoren überhaupt.
Ebenso wichtig bleibt eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur. Straßen, Schienen, Brücken und Häfen bilden das Rückgrat einer exportorientierten Volkswirtschaft. Ein weiterer entscheidender Faktor ist der Fachkräftemangel. Deutschland braucht qualifizierte Zuwanderung und schnellere Anerkennungsverfahren für ausländische Berufsabschlüsse. Gleichzeitig müssen wir unsere Bildungslandschaft weiter stärken – insbesondere in den MINT-Fächern. Darüber hinaus wünsche ich mir eine engere Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Forschungseinrichtungen und Industrie. Innovation entsteht dort, wo Wissenschaft und Unternehmen gemeinsam an Lösungen arbeiten.
Gerade für international tätige Unternehmen ist außerdem der Zugang zu Wagniskapital ein wesentlicher Wettbewerbsfaktor. Viele innovative Start-ups verlassen Europa noch immer in ihrer Wachstumsphase, weil sie anderswo bessere Finanzierungsbedingungen vorfinden. Wenn wir diese Herausforderungen entschlossen angehen, kann Deutschland seine Rolle als führender Industrie- und Innovationsstandort weiter behaupten.
Welche Rolle spielt eine verlässliche Steuer- und Finanzpolitik für die Investitionsentscheidungen internationaler Unternehmen?
Eine verlässliche Steuer- und Finanzpolitik gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen für Investitionsentscheidungen. Internationale Unternehmen planen ihre Investitionen oftmals über Zeiträume von zehn, fünfzehn oder sogar zwanzig Jahren. Wer Produktionsstätten errichtet, neue Technologien entwickelt oder langfristige Forschungsprojekte auf den Weg bringt, braucht die Sicherheit, dass sich die politischen Rahmenbedingungen nicht fortlaufend grundlegend verändern. Dazu gehören stabile Unternehmenssteuern, verlässliche Abschreibungsregelungen und eine solide Finanzpolitik. Nur wenn Unternehmen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen realistisch kalkulieren können, entstehen Investitionen, neue Arbeitsplätze und langfristiges Wachstum.
Deutschland verfügt trotz aller aktuellen Herausforderungen weiterhin über enorme Standortvorteile. Diese dürfen wir jedoch nicht durch politische Unsicherheit oder ständig wechselnde regulatorische Vorgaben gefährden. Gerade international tätige Industrieunternehmen beobachten sehr genau, wie sich die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen entwickeln. Das gilt für den Maschinenbau ebenso wie für die Chemie-, Pharma- oder Tabakindustrie, deren Investitionsentscheidungen häufig europaweit oder sogar global getroffen werden.

Viele Unternehmen kritisieren inzwischen weniger einzelne Gesetze als vielmehr die fehlende Planbarkeit politischer Entscheidungen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ja. Unternehmen können sich grundsätzlich auf neue gesetzliche Rahmenbedingungen einstellen. Schwieriger wird es allerdings, wenn Regeln ständig verändert oder kurzfristig verschärft werden. Planungssicherheit ist heute fast genauso wichtig wie die Höhe von Steuern oder Energiekosten. Investitionen entstehen dort, wo Unternehmen Vertrauen in die politischen Rahmenbedingungen haben. Deshalb sollte Regulierung nachvollziehbar, langfristig angelegt und möglichst europäisch abgestimmt sein. Nationale Sonderwege führen häufig zu Wettbewerbsnachteilen, ohne dass dadurch automatisch bessere Ergebnisse erzielt werden.
Gerade exportorientierte Branchen benötigen ein stabiles regulatorisches Umfeld. Das betrifft beispielsweise auch die Tabakindustrie. Sie zählt seit Jahrzehnten zu den am stärksten regulierten Industriezweigen Europas. Unternehmen investieren dennoch kontinuierlich in moderne Produktionsanlagen, alternative Produkte sowie neue Fertigungstechnologien. Diese Investitionen setzen jedoch voraus, dass regulatorische Veränderungen vorhersehbar bleiben und Unternehmen ausreichend Zeit erhalten, sich auf neue Anforderungen einzustellen. Wettbewerbsfähigkeit und Gesundheitsziele dürfen deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden. Beides muss verantwortungsvoll miteinander in Einklang gebracht werden.
Wie bewerten Sie die aktuellen transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten?
Die Vereinigten Staaten bleiben für Deutschland und Europa einer unserer wichtigsten wirtschaftlichen Partner. Daran hat sich nichts geändert. Gleichzeitig erleben wir derzeit eine Phase großer Unsicherheit. Die amerikanische Zollpolitik sowie häufig kurzfristige politische Entscheidungen erschweren vielen Unternehmen ihre langfristige Planung. Exportorientierte Volkswirtschaften wie Deutschland sind jedoch auf Verlässlichkeit angewiesen. Unternehmen benötigen stabile Rahmenbedingungen, um Investitionen zu planen und internationale Lieferketten effizient zu organisieren. Deshalb wünsche ich mir, dass die transatlantischen Beziehungen wieder stärker von gegenseitigem Vertrauen, wirtschaftlicher Partnerschaft und Berechenbarkeit geprägt werden.
Wo sehen Sie die größten Chancen für eine intensivere wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Europa und den USA?
Das Potenzial ist nach wie vor enorm. Europa und die Vereinigten Staaten teilen gemeinsame Werte, verfügen über hochentwickelte Volkswirtschaften und gehören weltweit zu den wichtigsten Innovationsstandorten.
Gerade deshalb bin ich überzeugt, dass beide Seiten von einer engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit profitieren würden. Ein modernes Freihandelsabkommen könnte zahlreiche Handelshemmnisse abbauen und Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks neue Wachstumsmöglichkeiten eröffnen. Gleichzeitig sollten wir unsere wirtschaftlichen Beziehungen breiter aufstellen und strategische Abhängigkeiten in einzelnen Bereichen reduzieren. Das stärkt die Resilienz unserer Volkswirtschaften, ohne den offenen internationalen Handel infrage zu stellen.
Welche Auswirkungen haben geopolitische Spannungen auf deutsche Exportunternehmen und internationale Lieferketten?
Die vergangenen Jahre haben eindrucksvoll gezeigt, wie verletzlich internationale Lieferketten geworden sind. Ob der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, Konflikte im Nahen Osten oder die zeitweise Gefährdung wichtiger Handelsrouten – all diese Entwicklungen wirken sich unmittelbar auf unsere Wirtschaft aus. Deutschland lebt wie kaum ein anderes Land vom internationalen Handel. Unsere Unternehmen exportieren in nahezu alle Welt und sind gleichzeitig auf Rohstoffe sowie Vorprodukte aus zahlreichen Regionen angewiesen. Deshalb treffen geopolitische Spannungen insbesondere exportorientierte Unternehmen besonders stark. Lieferverzögerungen, steigende Transportkosten oder Rohstoffengpässe wirken sich unmittelbar auf Produktion, Investitionen und Arbeitsplätze aus.
Die Sperrung wichtiger Handelswege hat erneut verdeutlicht, dass wirtschaftliche Stabilität nicht selbstverständlich ist. Deutschland muss deshalb seine Lieferketten widerstandsfähiger gestalten und gleichzeitig seine internationalen Partnerschaften weiter ausbauen. Gerade Industrieunternehmen – von der Automobilbranche über die Pharmaindustrie bis hin zur Tabakindustrie – sind auf funktionierende globale Lieferketten angewiesen. Rohstoffe, Verpackungsmaterialien, Maschinen und Logistik bilden heute internationale Wertschöpfungsketten, die politische Stabilität voraussetzen.
Europa diskutiert intensiv über wirtschaftliche Resilienz und strategische Souveränität. Wie gelingt die Balance zwischen Offenheit und wirtschaftlicher Sicherheit?
Ich sehe hier keinen grundsätzlichen Widerspruch. Europa muss offen bleiben. Unser Wohlstand basiert auf internationalen Märkten und freiem Handel. Gleichzeitig haben uns die vergangenen Krisen gezeigt, dass wir uns bei bestimmten Schlüsseltechnologien und kritischen Infrastrukturen nicht in zu große Abhängigkeiten begeben dürfen. Der russische Angriff auf die Ukraine hat beispielsweise deutlich gemacht, welche Folgen einseitige Abhängigkeiten im Energiesektor haben können.
Deshalb müssen wir künftig stärker diversifizieren. Das betrifft Energieversorgung ebenso wie Verteidigung, Pharma, Ernährung oder digitale Infrastruktur. Strategische Souveränität bedeutet aus meiner Sicht nicht wirtschaftliche Abschottung. Sie bedeutet vielmehr, kritische Bereiche so aufzustellen, dass Europa auch in Krisenzeiten handlungsfähig bleibt.
Welche Bedeutung haben Freihandelsabkommen für die deutsche Exportwirtschaft?
Freihandelsabkommen gehören zu den wichtigsten Instrumenten einer exportorientierten Volkswirtschaft. Deutschland profitiert wie kaum ein anderes Land vom freien Welthandel. Deshalb begrüße ich ausdrücklich, dass die Europäische Union in den vergangenen Monaten wichtige Fortschritte erzielt hat.
Mit dem Mercosur-Abkommen entsteht eine der größten Freihandelszonen weltweit. Ebenso eröffnet das neue Handelsabkommen mit Indien erhebliche Chancen für europäische Unternehmen. Neue Märkte bedeuten neue Absatzmöglichkeiten, mehr Investitionen und zusätzliche Arbeitsplätze.
Gleichzeitig reduzieren wir dadurch wirtschaftliche Abhängigkeiten von einzelnen Regionen und stärken die Widerstandsfähigkeit unserer Volkswirtschaft. Davon profitieren nahezu alle exportorientierten Industrien – vom Maschinenbau über die Chemie- und Pharmaindustrie bis hin zu Konsumgüterherstellern wie der Tabakindustrie, deren Produkte ebenfalls weltweit gehandelt werden.
Deutschland investiert derzeit erheblich in Infrastruktur und Digitalisierung. Welche Projekte sollten Vorrang haben?
Unsere Infrastruktur gehört zu den wichtigsten Wettbewerbsfaktoren überhaupt. Straßen, Brücken und Schienen bilden das Rückgrat unserer Wirtschaft. Gerade ein Exportland wie Deutschland ist auf funktionierende Verkehrswege angewiesen. Das beschlossene Sondervermögen Infrastruktur bietet nun die Möglichkeit, viele längst überfällige Investitionen anzustoßen.
Dennoch dürfen wir uns nichts vormachen: Der Investitionsstau ist über viele Jahre entstanden und wird sich nicht innerhalb weniger Monate auflösen. Neben klassischen Verkehrswegen müssen wir ebenso konsequent in Digitalisierung investieren. Schnelle Glasfasernetze, leistungsfähige Mobilfunknetze und digitale Verwaltungsprozesse entscheiden heute genauso über Wettbewerbsfähigkeit wie Autobahnen oder Eisenbahnstrecken.
Welche politischen Rahmenbedingungen benötigen Unternehmen, um langfristig Planungssicherheit und Investitionsvertrauen zu gewinnen?
Investitionen entstehen dort, wo Unternehmen Vertrauen haben. Deshalb brauchen wir stabile gesetzliche Rahmenbedingungen, die möglichst über mehrere Legislaturperioden Bestand haben. Das betrifft insbesondere Steuerpolitik, Energiepolitik und das regulatorische Umfeld.
Ebenso wichtig sind schnellere Genehmigungsprozesse. Wer mehrere Jahre auf eine Investitionsentscheidung warten muss, wird sich künftig möglicherweise für einen anderen Standort entscheiden.
Deutschland muss wieder schneller werden. Gerade international tätige Unternehmen vergleichen heute sehr genau, unter welchen Bedingungen sie investieren. Wer langfristig Industriearbeitsplätze sichern möchte, muss deshalb Verlässlichkeit schaffen. Das gilt gleichermaßen für Zukunftsbranchen wie Künstliche Intelligenz oder Halbleiter ebenso wie für etablierte Industrien, die seit Jahrzehnten Wertschöpfung, Innovation und hochwertige Arbeitsplätze in Deutschland sichern.
Wie bewerten Sie die aktuellen Herausforderungen bei der Finanzierung öffentlicher Investitionen vor dem Hintergrund der Haushaltsdisziplin?
Mit dem Sondervermögen Infrastruktur hat die Bundesregierung eine wichtige Grundlage geschaffen, um dringend notwendige Investitionen anzustoßen. Das ist ein richtiger Schritt. Dennoch sollten wir uns bewusst sein, dass sich über viele Jahre erhebliche Investitionsrückstände aufgebaut haben.
Die bereitgestellten Mittel werden daher allein nicht ausreichen, um sämtliche Defizite kurzfristig zu beseitigen. Gleichzeitig bleibt eine solide Haushaltspolitik unverzichtbar. Öffentliche Investitionen und finanzpolitische Verantwortung dürfen kein Widerspruch sein. Vielmehr geht es darum, vorhandene Mittel effizient einzusetzen und klare Prioritäten zu setzen.
Denn auch internationale Kapitalmärkte beobachten sehr genau, ob ein Staat seine öffentlichen Finanzen dauerhaft im Griff hat. Finanzielle Stabilität schafft Vertrauen – und Vertrauen ist eine wesentliche Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum.
Welche Rolle sollte Deutschland künftig innerhalb der europäischen Wirtschafts- und Finanzpolitik einnehmen?
Deutschland ist die größte Volkswirtschaft Europas. Daraus ergibt sich selbstverständlich auch eine besondere Verantwortung. Diese Verantwortung sollte jedoch nicht durch nationale Alleingänge wahrgenommen werden, sondern im engen Schulterschluss mit unseren europäischen Partnern. Europa ist wirtschaftlich dann besonders stark, wenn seine Mitgliedstaaten gemeinsam handeln und gemeinsame Interessen vertreten.
Gerade in Zeiten zunehmender geopolitischer Spannungen brauchen wir eine handlungsfähige Europäische Union, die ihre wirtschaftlichen Interessen selbstbewusst vertritt und gleichzeitig den freien Handel verteidigt. Deutschland kann dabei eine führende Rolle übernehmen – allerdings immer mit der notwendigen Sensibilität gegenüber den Interessen seiner europäischen Partner.
Was erwarten internationale Investoren heute vom Wirtschaftsstandort Deutschland – und wo besteht der größte Nachholbedarf?
Internationale Investoren vergleichen heute Standorte weltweit. Sie achten auf Steuerpolitik, Infrastruktur, Energieversorgung, Fachkräfte, Digitalisierung und die Geschwindigkeit staatlicher Verfahren. Deutschland verfügt weiterhin über hervorragend ausgebildete Beschäftigte, eine starke industrielle Basis und eine hohe Innovationskraft.
Gleichzeitig müssen wir deutlich schneller werden. Digitale Genehmigungsverfahren, moderne Infrastruktur und eine verlässliche Steuerpolitik gehören heute zu den wichtigsten Wettbewerbsfaktoren. Länder wie die baltischen Staaten zeigen eindrucksvoll, wie effizient digitale Verwaltungsprozesse funktionieren können.
Gerade international tätige Unternehmen erwarten heute vor allem eines: Berechenbarkeit. Das betrifft Großkonzerne ebenso wie mittelständische Familienunternehmen. Auch Industrien mit hohen regulatorischen Anforderungen – beispielsweise die Pharma-, Chemie- oder Tabakindustrie – treffen Investitionsentscheidungen auf Grundlage langfristiger politischer Stabilität. Produktionsstandorte werden über Jahrzehnte geplant. Deshalb ist Verlässlichkeit oftmals wichtiger als kurzfristige politische Einzelmaßnahmen.
Welche wirtschafts- und finanzpolitischen Entwicklungen werden Ihrer Einschätzung nach die kommende Legislaturperiode besonders prägen?
Die Herausforderungen sind seit Langem bekannt. Es geht um den Abbau von Bürokratie, die Modernisierung unserer Infrastruktur, eine wettbewerbsfähige Steuerpolitik, Investitionen in Digitalisierung sowie die Sicherung qualifizierter Fachkräfte. Entscheidend wird nun sein, dass die angekündigten Reformen nicht nur beschlossen, sondern auch konsequent umgesetzt werden. Deutschland verfügt weiterhin über enormes wirtschaftliches Potenzial. Jetzt kommt es darauf an, dieses Potenzial wieder freizusetzen. Die kommende Legislaturperiode wird deshalb maßgeblich darüber entscheiden, ob Deutschland seine Position als führender Industrie- und Innovationsstandort Europas behaupten kann.
Wenn Sie internationalen Unternehmerinnen und Unternehmern sowie Investoren eine Botschaft über den Wirtschaftsstandort Deutschland mit auf den Weg geben könnten – wie würde diese lauten?
Deutschland gehört weiterhin zu den leistungsfähigsten Volkswirtschaften der Welt. Wir verfügen über hervorragend ausgebildete Fachkräfte, innovative Unternehmen, exzellente Forschungseinrichtungen und eine starke industrielle Tradition. Unser Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes wieder nachhaltig zu stärken.
Dazu gehören weniger Bürokratie, wettbewerbsfähige Energiepreise, eine moderne Infrastruktur, schnellere Genehmigungsverfahren sowie verlässliche politische Rahmenbedingungen. Wer langfristig investiert, findet in Deutschland nach wie vor ausgezeichnete Voraussetzungen. Wir wollen den Wirtschaftsstandort modernisieren und fit für die Zukunft machen. Davon profitieren Unternehmen ebenso wie Beschäftigte und unsere europäischen Partner.
Deutschland steht wirtschaftspolitisch an einem Wendepunkt. Die Herausforderungen reichen von schwachem Wachstum über geopolitische Unsicherheiten bis hin zum internationalen Wettbewerb um Investitionen und Innovationen. Für Carsten Brodesser ist die Antwort darauf eindeutig: Der Staat müsse sich wieder stärker auf die Schaffung verlässlicher Rahmenbedingungen konzentrieren und Unternehmen mehr unternehmerische Freiheit ermöglichen.
Ein roter Faden zieht sich durch das gesamte Gespräch: Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch das Zusammenspiel von solider Finanzpolitik, Bürokratieabbau, wettbewerbsfähigen Steuern, moderner Infrastruktur und einer innovationsfreundlichen Industriepolitik.
Dabei nimmt Brodesser bewusst die gesamte industrielle Wertschöpfungskette in den Blick – von mittelständischen Familienunternehmen bis hin zu international tätigen Industriekonzernen. Branchen wie Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie, Pharma und auch die Tabakindustrie stünden gleichermaßen vor der Herausforderung, sich in einem zunehmend komplexen regulatorischen und geopolitischen Umfeld behaupten zu müssen. Aus seiner Sicht benötigen sie deshalb vor allem eines: langfristige Planungssicherheit.
Ob Deutschland seine Rolle als führender Wirtschaftsstandort Europas behaupten kann, werde sich nach Auffassung des CDU-Politikers in den kommenden Jahren daran entscheiden, ob angekündigte Reformen konsequent umgesetzt und Investitionen wieder attraktiver gemacht werden. Für internationale Unternehmen bleibt Deutschland trotz aller aktuellen Herausforderungen ein Markt mit großem Potenzial – vorausgesetzt, Politik und Wirtschaft schaffen gemeinsam die Voraussetzungen für neues Vertrauen und nachhaltiges Wachstum.